Universell gebildeter Humanist

Er hat nachhaltig das geistige und kulturelle Klima der jungen Bundesrepublik und auch des wiedervereinigten Deutschlands geprägt. Walter Jens war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Literatur- und Fernsehkritiker, Fernsehspielautor, Publizist, Übersetzer und Redner. Am Sonntagabend starb er im Alter von 90 Jahren, wie sein Sohn Tilman am Montag bestätigte.

Tod | Tübingen - 10.06.2013

Er hat nachhaltig das geistige und kulturelle Klima der jungen Bundesrepublik und auch des wiedervereinigten Deutschlands geprägt. Walter Jens war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Literatur- und Fernsehkritiker, Fernsehspielautor, Publizist, Übersetzer und Redner. Am Sonntagabend starb er im Alter von 90 Jahren, wie sein Sohn Tilman am Montag bestätigte.

Der Spross aus gutbürgerlichem protestantischem Hause studierte in Hamburg und Freiburg, wurde bereits 1944 promoviert und habilitierte sich 1949 in Tübingen, das zum Mittelpunkt seines Lebens und Wirkens wurde. Der gelernte Altphilologe verknüpfte antike Göttermythen und biblische Gestalten mit modernen Fragestellungen und wurde so zum Musterbeispiel eines poeta doctus, eines "gelehrten Dichters", den er selbst in seiner Darstellung über die "Deutsche Literatur der Gegenwart" (1961) als "Phänomen der Nachkriegsliteratur" charakterisiert hat.

Brachte zeitgenösische Literatur in Universitäten

Jens' eigene Romane, "Nein - Die Welt der Angeklagten" (1950), "Vergessene Gesichter" (1952), "Der Mann, der nicht alt werden wollte" (1955) und "Herr Meister" (1963) sind gekennzeichnet durch stark reflexive Elemente, durch das Wechselspiel der Erzählebenen und Erzählperspektiven. Jens, der seit 1950 der "Gruppe 47" angehörte, war der erste, der die zeitgenössische deutsche Literatur zum Gegenstand akademischer Betrachtung machte - mit durchschlagendem Erfolg.

Neben Ernst Bloch trug er wesentlich dazu bei, die Tübinger Universität zu einem Anziehungspunkt für die aufbegehrende junge Generation zu machen. Jens ließ die Grenzen seines Faches - 1963 wurde er auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik berufen - weit hinter sich. Auch nach seiner Emeritierung 1988 mischte sich Jens, dessen Ämter und Ehrungen kaum zu zählen sind, weiter in die öffentliche Debatte ein. Selbst zum Thema Fußball wusste Jens, der in seiner Jugend Torhüter beim Elmsbütteler TV war, Profundes zu sagen. Erfundene Dialoge zwischen und mit historischen Persönlichkeiten und biblischen Gestalten durchziehen das Werk dieses universell gebildeten Humanisten aus christlicher Grundüberzeugung.

Der deutsche Rhetoriker Walter Jens (r) und seine Frau Inge (l) unterhalten sich während der dreitägigen Friedens-Blockade am 1. September 1983 vor dem US-Depot in Mutlangen mit einem Demonstranten.
 dpa/Michael Dick

Bestseller-Autor erst im hohen Alter

2001 erschienen die erdachten Monologe und Gespräche in dem Band "Der Teufel lebt nicht mehr, mein Herr!" Der Protestant Jens nutzte die Gelegenheit für ein paar Seitenhiebe auf das Papsttum und die Päpste, erwies aber auch Papst Johannes XXIII. seine Hochachtung. Bestseller gelangen ihm erst in hohem Alter, als er zusammen mit seiner Frau, der Literaturwissenschaftlerin Inge Jens, Bücher zur Familiengeschichte von Thomas Mann, dessen Tagebücher Inge Jens herausgeben hatte, verfasste: "Frau Thomas Mann" (2003) und "Katias Mutter" (2005).

Jens war von 1976 bis 1982 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums und führte in seiner Amtszeit als Präsident der Akademie der Künste zu Berlin west- und ostdeutsche Intellektuelle zusammen. Zusammen mit seiner Frau hatte er in den 1980er Jahren in Mutlangen gegen die Stationierung von Pershing-Raketen demonstriert und während des Zweiten Golfkriegs 1990 desertierten US-Soldaten Unterschlupf geboten. Als 2003 bekannt wurde, dass Jens als Mitglied der NSDAP geführt wurde, legte sich die Aufregung recht schnell, auch wenn nicht alle Jens' Versicherung, er habe davon nichts gewusst, Glauben schenkten. Widerspruch erntete Jens auch, als er 1995 gemeinsam mit Hans Küng eine Streitschrift für die "aktive Sterbehilfe" herausbrachte.

Demenz ab 2004

Gebrauch davon machte nicht, obwohl eine seit 2004 fortschreitende Demenz ihn in den Zustand gebracht hatte, den er für sich als nicht lebenswert betrachtet hatte. Einer der größten deutschen Intellektuellen wusste keinen klaren Gedanken mehr zu fassen, wusste nicht mehr, wer er war und benötigte rund um die Uhr Hilfe. Sein ältester Sohn Tilman Jens machte die Demenz 2008 öffentlich. Sein 2009 erschienenes Buch "Demenz" wurde von vielen als "Vatermord" gedeutet. Klaglos schilderte Inge Jens in ihrem ebenfalls 2009 erschienenen "Unvollständigen Erinnerungen" das Zusammenleben mit ihrem kranken Mann. In einem Interview sagte sie: "Ich sehe seinem Entschwinden zu". Jetzt ist Walter Jens gestorben.

Von Peter W. Kohl (KNA)

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