Vater tötet Seminaristen, Tochter bittet um Vergebung

Der 14-jährige Seminarist Rolando Rivi wurde 1945 von kommunistischen Partisanen misshandelt und erschossen. In der Kirche des inzwischen seligen Rivi hat nun die Tochter des Mörders um Vergebung gebeten.

Zweiter Weltkrieg | Turin/Bologna - 16.04.2018

Von einem Wunder spricht der Bischof von Reggio Emilia, Massimo Camisasca, bei dem, was sich am Sonntagabend in einer kleinen Kirche in Norditalien ereignet hat. Und tatsächlich klingt die Geschichte zu brutal, um mit einer Versöhnung zu enden: Im Zweiten Weltkrieg tötet ein kommunistischer Partisan einen 14-jährigen Jungen, weil dieser eine Soutane trägt. 73 Jahre später wird eine Kirche nach Rolando Rivi benannt, dem inzwischen seliggesprochenen Seminaristen. Mit dabei ist auch die Tochter des Mörders, die bei Familienmitgliedern Rivis um Vergebung bittet.

"Mit Geduld und Hartnäckigkeit hat sich Gott in den Herzen der Menschen Platz verschafft und dieses Wunder erreicht", sagt Bischof Camisasca. Er bemüht sich seit vielen Jahren um eine Aufarbeitung der Vergangenheit im sogenannten roten Dreieck zwischen Reggio Emilia, Bologna und Ferrara. Insbesondere dort forderten die inneritalienischen Auseinandersetzungen im Zuge der Widerstandskämpfe von 1944 bis 1946 zahlreiche Opfer. Nach Ansicht von Historikern wirkten der Hass, die Spaltungen und Mauern des Schweigens aus dieser Zeit noch jahrzehntelang nach.

Das Erbe des italienischen Widerstandskampfes ist teilweise immer noch nicht bewältigt. Die "Resistenza", entstanden aus dem Kampf gegen den Faschismus Benito Mussolinis sowie vor allem gegen die deutsche Besetzung Italiens ab 1943, war eine breitgefächerte Bewegung. Sie reichte von reaktionären Monarchisten über Republikaner und Katholiken bis zu radikalen Kommunisten. Die bekannten Erzählungen des Schriftstellers Giovanni Guareschi um den Priester Don Camillo und den kommunistischen Bürgermeister Peppone, beide ehemalige Partisanen, erzählen in eher harmlos-unterhaltsamer Form davon.

Soutane soll seine Beziehung zu Jesus ausdrücken

Alles andere als harmlos ist das, was Rolando Rivi (1931-1944) erleben musste. Der fromme Junge – mit sieben Jahren Erstkommunion, mit neun Jahren Firmung – war 1942 in das Vorseminar seines Bistums eingetreten. Nach der deutschen Besetzung 1944 und der Durchsuchung des Seminars durch die Soldaten wurde die Einrichtung geschlossen und Rivi kehrte nach Hause zurück. Er trug dennoch weiterhin seine Soutane. Für ihn war sie ein Zeichen dafür, dass er zu Jesus gehört. Das war gefährlich, denn aus Hass gegen die Religion wurden damals immer wieder Priester Opfer von Gewalttaten und Mord – an insgesamt elf erinnerte Bischof Camisasca in seiner Predigt.  

Wie gefährlich die Soutane für Rivi war, zeigte sich, als er am 10. April 1945 nach der Messe nicht nach Hause kam. An seinem üblichen Gebetsort in einem Wäldchen fand sein Vater die Schulbücher des damals 14-jährigen und eine Notiz: "Sucht ihn nicht. Er ist für eine Weile bei uns Partisanen". Die Partisanen verdächtigten den Jungen, für die Nazis zu spionieren und hielten das Geld, das Rivi bei sich hatte – er hatte es sich als Mesner verdient – für den Beweis. In einem Versteck knapp 30 Kilometer von seiner Heimat schlugen und demütigten sie den Jugendlichen tagelang. Am 13. April 1945 musste Rivi in einem Wald sein eigenes Grab schaufeln und wurde daraufhin von Giuseppe Corghi und zwei Kameraden erschossen. Einen Tag später fanden Rolandos Vater und der Pfarrer von San Valentino seinen von der Folter entstellten Leichnam.

Im Jahr 1951 wurden Corghi und ein weiterer Mittäter zu 22 Jahren Haft verurteilt, von denen sie wegen einer Amnestie nur sechs verbüßen mussten. Diesen Sonntagabend war es Corghis Tochter, die zu der Schwester und den Cousins von Rolando Rivi sprach, wie die Zeitung "il Resto del Carlino" berichtet. Meris Corghi hatte ihnen vor drei Monaten geschrieben, dass sie um Vergebung bitten wolle und wurde zu der Zeremonie eingeladen, in der die alte Dorfkirche Rolando Rivi geweiht wurde. Er war 2013 als Märtyrer seliggesprochen worden.

Mörder soll die Tat am Sterbebett bereut haben

Vor hunderten Gläubigen sagte Meris Corghi, sie habe als Nachgeborene bis vor kurzem nichts über die Tat ihres Vaters gewusst. Erst durch die Erzählung einer alten Tante habe sie darüber erfahren und in ihr sei der Wunsch gereift, für die Tat ihres Vaters "demütig um Verzeihung" zu bitten. Dieser habe auf dem Sterbebett die Tat vom April 1945 bereut. In dieser Zeit, als sie angefangen habe, Fragen zu ihrem Vater zu stellen, habe sie sich "geführt" gefühlt, so Corghi. Möglicherweise habe ihr verstorbener Vater sie geführt, auf seiner Suche danach, Frieden zu finden, oder aber auch der selige Rolando.

"Ich bin nur eine Tochter, aber im Herzen habe ich folgende Antwort gefunden: Wir sind alle Kinder desselben Vaters und Geschwister, jeder mit seinen persönlichen Lasten". Alfonso Rivi, ein Cousin des Seligen, antwortete ihr: "Wir heißen Meris als Schwester willkommen." Auf ihre Bitte antworte er mit Vergebung aus ganzem Herzen. (mit Material von KNA)

Von Agathe Lukassek

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