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Vatikan "all inclusive"

Rom-Reisende, die ein Buch über den Vatikan mitnehmen wollen, stehen oft vor einem Dilemma: Sie müssen sich entscheiden zwischen einem Kunstführer über die Sixtinische Kapelle , Raffael und Co., einem Thriller a la Dan Brown oder einem Geschichtsbuch über Päpste und Konzilien. Wer sich überdies noch dafür interessiert, wie so eine Kirchenzentrale für 1,2 Milliarden Gläubige heute überhaupt funktioniert, der hat schnell vier Bücher im Gepäck. "All inclusive"-Angebote gibt es in der Vatikan-Literatur selten.

| Vatikanstadt - 02.08.2014

Rom-Reisende, die ein Buch über den Vatikan mitnehmen wollen, stehen oft vor einem Dilemma: Sie müssen sich entscheiden zwischen einem Kunstführer über die Sixtinische Kapelle , Raffael und Co., einem Thriller a la Dan Brown oder einem Geschichtsbuch über Päpste und Konzilien. Wer sich überdies noch dafür interessiert, wie so eine Kirchenzentrale für 1,2 Milliarden Gläubige heute überhaupt funktioniert, der hat schnell vier Bücher im Gepäck. "All inclusive"-Angebote gibt es in der Vatikan-Literatur selten.

Das Buch "Der unbekannte Vatikan" von Ulrich Nersinger kann deshalb als willkommener Beitrag zur Reduzierung des Reisegepäcks gelten. Der aus Eschweiler bei Aachen stammende Theologe, der mehrere Bücher über vatikanische Themen vorgelegt hat, bietet in seinem neuen Werk nun eine Gesamtschau: Er beschreibt den Alltag im Vatikan von der Feuerwehr über die Schweizergarde bis hin zur Kleiderordnung für Audienzen beim Papst. Er erklärt den Aufbau der Kirchenzentrale, was die einzelnen vatikanischen Ministerien tun und was Papst Franziskus verändern möchte. Auch Geschichte und Kunst gibt es reichlich, alles in verständlicher Sprache.

Was die Spannung betrifft, kann und will es Nersinger zwar nicht mit dem Bestseller Dan Browns und dessen Vatikan-Schmökern aufnehmen. Langweilig wird die Lektüre aber dennoch nicht; auch weil der Autor seine Darstellung mit kurzweiligen Zitaten zu garnieren weiß. So führt er etwa den römischen Dichter Martial (40-102/104) mit dem Ausspruch an: "Wenn du den vatikanischen Wein trinkst, dann trinkst du Gift".

Papst Franziskus winkend vor dem Petersdom.
Papst Franziskus winkend vor dem Petersdom.  picture alliance / Stefano Spaziani

Das Buch behandelt auch naheliegende Fragen

Nersinger spricht jedoch nicht nur bildungsbürgerliche Rom-Reisende an. Eine Stärke des Buches liegt darin, dass es auch ganz naheliegende Fragen behandelt. Solche, die einem einfachen Pilger oder Zuschauer der TV-Übertragung eines Papstgottesdienstes kommen können, auf die man aber nur selten eine zufriedenstellende Antwort erhält, etwa: Warum ist die vatikanische Flagge eigentlich weiß-gelb? Außerdem widmet sich der Autor den Briefmarken und Münzen des Vatikan sowie den päpstlichen Orden.

Auch Kenner der Materie können auf den 270 Seiten noch manches lernen: Eine solch detaillierte Schilderung des Protokolls für einen Staatsbesuch im Vatikan etwa gab es bislang wohl noch nicht. Nersinger erklärt den Ablauf von den Fanfarenstößen der päpstlichen Musikkapelle zur Ankunft des Gastes im Innenhof des Apostolischen Palastes bis hin zur Aufstellung der Schweizergardisten, der "Edelleute seiner Heiligkeit" und Saaldiener der päpstlichen Vorzimmer, die den Staatsgast in die päpstliche Privatbibliothek geleiten.

Dem Titel des Buches bestätigt Nersinger mit seiner Darstellung der "Apostolischen Pönitentiarie", einen der drei vatikanischen Gerichtshöfe. Wer weiß schon, dass Beichtväter von bestimmten Sünden nur nach Rücksprache mit dieser Kurienbehörde lossprechen dürfen - und dass die betreffenden Fälle in der Regel binnen eines Tages nach Eintreffen bearbeitet werden, weil schließlich das Heil der Seele auf dem Spiel steht?

Braucht es überhaupt einen eigenen Kirchenstaat?

Zum Abschluss des Buches stellt der Autor die Gretchen-Frage: Braucht die katholische Kirche heute überhaupt noch einen eigenen Staat? Oder würde eine "vollkommene Entweltlichung" Freiräume eröffnen, um auf die drängenden Fragen der Menschen zu antworten. Nersinger antwortet mit der Schilderung des Schicksals von Hunderten Juden und anderen Schutzsuchenden, die im Zweiten Weltkrieg in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo Zuflucht vor den deutschen Besatzern fanden, auf extraterritorialem Gebiet. Seine Antwort: Sie konnten nur gerettet werden, weil es einen Vatikanstaat gab.

Vielleicht stößt auch Papst Franziskus in dem Buch auf manches, was ihm bislang unbekannt war. Nersinger überreichte ihm sein Buch nach einer Generalaudienz auf dem Petersplatz persönlich. Was hat der Papst ihm gesagt? "Wird gelesen" - auf Deutsch.

Von Thomas Jansen (KNA)

Zum Buch

Ulrich Nersinger: Der unbekannte Vatikan, 272 Seiten, Media Maria Verlag, Illertissen 2014, ISBN 978-3-9816344-1-9; 18,95 Euro.

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