Vatikan verlangt freien Zugang zu Heiligen Stätten

Zwar sind die umstrittenen Metalldetektoren am Tempelberg in Jerusalem abgebaut worden. Aber die Diskussion geht weiter: Nun haben sich der Vatikan und der türkische Staatspräsident zu Wort gemeldet.

Israel | Jerusalem - 26.07.2017

Der Vatikan hat "sicheren, freien und ungehinderten Zugang zu den Heiligen Stätten" in Jerusalem für Gläubige aller Religionen und Nationalitäten verlangt. Vor dem UN-Sicherheitsrat bekräftigte der Geschäftsträger der vatikanischen Vertretung bei den Vereinten Nationen, Simon Kassas, die Forderung eines "international garantierten Sonderstatus" für Jerusalem, um die Religions- und Meinungsfreiheit aller Einwohner zu schützen.

Israel hatte nach einem blutigen Anschlag am 14. Julineue Sicherheitskontrollen mit Metalldetektoren für muslimische Gläubige am Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) verfügt. Die Palästinenser protestierten dagegen, weil sie dies als Versuch Israels werteten, mehr Kontrolle über die Juden wie Muslimen heilige Stätte zu bekommen. In der Nacht zum Dienstag baute die israelische Polizei die Detektoren und angebrachte Überwachungskameras wieder ab. Das Sicherheitskabinett um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte damit auf blutige Unruhen und gab internationalem Druck nach, unter anderem von der Türkei und Jordanien.

Doch die Palästinenser sind damit noch nicht zufrieden. Sie lehnen auch neue, von Israel angekündigte hochmoderne Überwachungsmethoden ab, die als Alternative zu den Metalldetektoren eingerichtet werden sollen. In der Nacht zum Mittwoch kam es in Jerusalem zu neuen Unruhen: Bei Konfrontationen mit Polizisten wurden 16 Palästinenser verletzt, davon drei schwer, wie der palästinensische Rettungsdienst Roter Halbmond berichtete. Wie in den vergangenen Tagen hatten Tausende muslimische Gläubige auf den Straßen im Bereich der Altstadt gebetet. Nach dem Nachtgebet kam es zu Zusammenstößen mit der israelischen Polizei. Im Westjordanland rief die radikal-islamische Palästinenserorganisation Hamas für Freitag erneut zu einem "Tag des Zorns" mit Protesten auf.

Vatikan für Zwei-Staaten-Lösung

Vatikan-Vertreter Kassas sprach sich bei der monatlichen offenen Debatte des Sicherheitsrats am Dienstag in New York erneut für eine Zwei-Staaten-Lösung aus. Wenn Israel und Palästina Sicherheit, Wohlstand und friedliche Koexistenz wollten, gebe es keine Alternative zu einer Verhandlungslösung. Diese müsse mit internationaler Hilfe zwischen beiden Konfliktparteien direkt ausgehandelt werden. Voraussetzung seien "substanzielle Schritte, um die Spannungen zu mindern und die Gewalt zu deeskalieren". Dazu gehöre auf israelischer Seite der Verzicht auf eine Siedlungspolitik, die dem Bekenntnis zu einer Zwei-Staaten-Lösung widerspreche, so der Vatikandiplomat. Von den Palästinensern verlangte Kassas, "geeinten politischen Willen" zu zeigen und auf die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung zu antworten.

Linktipp: Israel: Franziskus fordert zu Mäßigung auf

Seit Tagen kommt es zwischen Israelis und Palästinensern zur schweren Ausschreitungen mit mehren Toten. Während der Papst zum Dialog aufruft, fordert der sephardische Oberrabbiner eine härtere Gangart. (Artikel vom 23. Juli 2017)

Zum Artikel

Die israelische Regierung plant nun, die Überwachung in der Umgebung des Tempelbergs zu verbessern. Das neue, alternative Sicherheitssystem soll umgerechnet 24 Millionen Euro kosten und binnen eines halben Jahres eingerichtet werden. Bis zur Umsetzung will Israels Polizei ihre Präsenz am Tempelberg verstärken. Nach israelischen Medienberichten handelt es sich um "schlaue" Kameras, die Gesichter erkennen können und entdecken, wenn Personen Waffen oder Sprengsätze unter ihrer Kleidung versteckt haben. So könnten Sicherheitskräfte automatisch gewarnt werden, wenn gesuchte Personen den Tempelberg betreten wollen.

Erdogan: Israel soll Menschenrechte respektieren

Die Palästinenser begegnen den israelischen Entscheidungen jedoch mit tiefstem Misstrauen. Es herrscht etwa die Sorge, auch stark verschleierte Musliminnen könnten durch Nacktscanner bloßgestellt werden. Muslimische Repräsentanten fordern eine komplette Rückkehr zu der Situation vor dem Anschlag am 14. Juli, sie sind gegen jede Form der weiteren Überwachung.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat den Abbau der Metalldetektoren begrüßt, aber als unzureichend bezeichnet. Zur Reduktion von Spannungen sei der Verzicht auf die Detektoren "ein richtiger Schritt", sagte Erdogan am Mittwoch in Ankara vor Akademikern aus der islamischen Welt. "Aber ist das genug? Das ist es nicht." Israel müsse die Menschenrechte respektieren, sagte Erdogan. Für Frieden auf der Welt müsse die israelische Regierung zudem auf eine Politik verzichten, die "sie selbst und die Region" in Brand setzen könnte. Darüber hinaus betonte Erdogan, dass Juden in der Türkei und Synagogen geschützt werden müssten.

Es ist nicht das erste Mal, das ein Streit um den Tempelberg Blutvergießen auslöst. Als Netanjahu 1996 während seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident einen Tunnel an der Klagemauer öffnen ließ, kam es zu blutigen Unruhen in den Palästinensergebieten. Nach einem demonstrativen Besuch des damaligen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg im Jahr 2000 begann der zweite Palästinenseraufstand Intifada. Auch eine Welle palästinensischer Anschläge entzündete sich vor fast zwei Jahren an einem Streit über Gebetsrechte auf dem Plateau.

Der UN-Nahostbeauftragte Nikolaj Mladenow warnte am Montag vor "katastrophalen Auswirkungen" des jüngsten Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Der Tempelberg-Streit könnte in andere Länder überschwappen, auch jenseits des Nahen Ostens. Der Streit um die drittheiligste Stätte des Islams beeinflusse "Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden, von Menschen auf der ganzen Welt". Ein Kommentator der israelischen Zeitung "Haaretz" schrieb am Dienstag, Netanjahu verstehe durchaus "das explosive Potenzial des Tempelbergs". Er habe sich jedoch "in die Krise zerren lassen, weil er seine politischen Rivalen innerhalb der Rechten fürchtet". Erst ein tödlicher Vorfall in der israelischen Botschaft in Amman und Spannunngen mit dem jordanischen Nachbarland hätten ihn jedoch überzeugt, sich zu bewegen. Der Regierungschef habe begriffen, "dass er auf dem Weg zu einem völligen Kontrollverlust war und es an der Zeit war, diese Krise zu beenden". (jhe/dpa/kna)

26.07.2017, 15:04 Uhr: Ergänzt um Absatz mit aktuellen Berichten über erneute Unruhen. /jhe

Linktipp: Eine umkämpfte Heilige Stätte

Seit Tagen kommt es zu Ausschreitungen zwischen Israelis und Palästinensern. Doch was ist an der Heiligen Stätte so besonders? Und welche Rolle spielt die Religion? Hier gibt es die Antworten.

Zum Artikel

RSS-Feeds  |  Jobs  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2018