Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Erst vor wenigen Tagen rief Papst Franziskus zum Ende der Gewalt im Nahen Osten auf. Dort terrorisiert der sogenannte "Islamische Staat" (IS) immer mehr Orte. Hunderte Geiseln, darunter auch viele Christen, befinden sich in den Händen der Miliz. Der katholische Sozialethiker Thomas Hoppe teilt die Einschätzung des Papstes, dass die Weltgemeinschaft zu wenig gegen die Organisation tut - gibt aber auch zu bedenken, dass die katholische Friedenslehre in dieser Situation an ihre Grenzen gerät.

Syrien | Bonn - 05.03.2015

Erst vor wenigen Tagen rief Papst Franziskus zum Ende der Gewalt im Nahen Osten auf. Dort terrorisiert der sogenannte "Islamische Staat" (IS) immer mehr Orte. Hunderte Geiseln, darunter auch viele Christen, befinden sich in den Händen der Miliz. Der katholische Sozialethiker Thomas Hoppe teilt die Einschätzung des Papstes, dass die Weltgemeinschaft zu wenig gegen die Organisation tut - gibt aber auch zu bedenken, dass die katholische Friedenslehre in dieser Situation an ihre Grenzen gerät.

Frage: Herr Hoppe, in der jüngsten Vergangenheit haben Kirchenvertreter die Weltgemeinschaft mit dringenden Appellen aufgerufen, dem Treiben des "Islamischen Staates" (IS) ein Ende zu bereiten. Franziskus sagte etwa beim letzten Angelus-Gebet, die Situation sei "nicht mehr tolerabel", auch Kardinal Marx forderte bei der Bischofsvollversammlung die Politik erneut zum Handeln auf. Warum kommt gerade jetzt dieser Aufschrei?

Hoppe: Die Situation der christlichen Minderheit und aller Menschen in Syrien verschärft sich seit geraumer Zeit. Die Zahl der Toten und der Flüchtlinge, die dringend auf Hilfe angewiesen sind, wächst ständig. Menschen werden entführt und bestialisch umgebracht. Der Papst hat vollkommen Recht, dass die internationale Gemeinschaft hinter dem zurück bleibt, was man von ihr erwarten kann. Die Vereinten Nationen haben sich offiziell zum Prinzip der Schutzverantwortung bekannt. Das bedeutet, dass sie bei Völkermord, Massenvertreibungen, Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit dazu verpflichtet sind, einzuschreiten. Doch dieses Prinzip wird in Syrien nicht umgesetzt. Die Weltgemeinschaft macht sich unglaubwürdig, indem sie fundamentale Zweifel weckt, ob sie es mit der Schutzverantwortung ernst meint. Das ist für Menschen in Not eine ganz schlimme Botschaft.

Thomas Hoppe ist Professor für Sozialethik an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr.
 Privat

Frage:Ist das Dilemma zwischen der Notwendigkeit militärischer Gewalt und der Ausrichtung der Kirche auf das Ziel der Gewaltüberwindung überhaupt zu vermeiden?

Hoppe: Jeder Einsatz von bewaffneter Gewalt ist - so hat es Papst Johannes Paul II. treffend formuliert – eine Niederlage der Menschheit. Militärische Gewalt sollte vermieden werden, wo es nur geht. Es ist die Aufgabe der kirchlichen Friedenslehre, diesen Gedanken ständig zu betonen. Sie muss darauf bestehen, dass die internationale Politik sich sehr viel mehr als bisher in der Gewaltprävention engagiert. Nur kann auch die Kirche nicht übersehen, dass Prävention zu spät kommt in einer Situation, in der die Menschen ermordet werden. Gegen militärische Mittel als nächstliegendes Instrument bin ich ganz entschieden. Aber in der jetzigen Situation gibt es kaum annehmbare Alternativen.

Frage: Einige regionale Kirchenvertreter sprechen gar von einem Genozid an den syrischen Christen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hoppe: Das kann ich von Deutschland aus schlecht beurteilen. Ob die Kriterien für das Vorliegen von Völkermord erfüllt sind, ist aber auch nicht entscheidend. Die Menschen sterben unabhängig davon, welches völkerrechtliche Etikett wir dem geben. Ganz sicher handelt es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit in großem Maßstab. Das reicht vollkommen aus als Begründung dafür, dass es notwendig ist, solche Handlungen zu stoppen.

Frage: Sie haben davon gesprochen, dass im Fall Syrien Prävention versäumt wurde. Hätte auch die katholische Kirche mehr tun können?

Hoppe: Gegenfrage: Was genau hätte die Kirche tun können? Die Christen in Syrien sind zusammen mit anderen Minderheiten in einer schwachen Position. Bei Konflikten sind sie zuerst gefährdet. Über Appelle hinaus – und derer hat es viele gegeben - kann die Kirche also nicht viel bewirken. Bei Krisenprävention ist vor allem die Politik gefragt. Und da hat die internationale Gemeinschaft versagt, ebenso wie vor der Aufgabe eines zeitgerechten Eingreifens: Schon im Jahr 2012 wurde darüber diskutiert, ob in Syrien mit militärischen Mitteln unter dem Mandat der Vereinten Nationen eine Schutzzone für die ungezählten Menschen geschaffen werden könnte, die Opfer der Kampfhandlungen zu werden drohten. Damals wäre eine Intervention zum Schutz ungleich leichter gewesen als heute. Aber es war politisch nicht erwünscht. Jetzt wird es dagegen sehr schwierig, eine schnelle Verbesserung herbeizuführen.

Frage: Der Terrorgruppe "Boko Haram" in Nigeria wird oft nachgesagt, dass sie sich zwar einen religiösen Deckmantel gibt, es letztlich aber vor allem um organisierte Kriminalität geht. Wie sieht das beim Islamischen Staat aus?

Hoppe: Da ist es ganz ähnlich. Je länger ich den IS beobachte, desto stärker ist mein Eindruck, dass es der Organisation erst in zweiter oder dritter Linie um Religion geht – wenn überhaupt. Letztendlich kämpft der IS um Macht, Einflussgebiete und Einnahmequellen. Entsprechend sind die Strategien. Auch durch Entführung und Erpressung lassen sich große Summen verdienen. Und der IS ist finanziell sehr gut aufgestellt - viel besser als vergleichbare Gruppierungen es in der Vergangenheit waren.

Frage: Angeblich haben die Islamisten sogar eine Eroberung Roms propagiert. Könnte daraus eines Tages eine echte Bedrohung entstehen?

Hoppe: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine große Invasion gibt. Ein verheerender terroristischer Anschlag ist ungleich wahrscheinlicher. Das kann im Moment nirgendwo zuverlässig ausgeschlossen werden, schon gar nicht an Brennpunkten mit großer Symbolkraft. Dazu gehört selbstverständlich auch Rom.

Frage: Franziskus hat vor längerer Zeit einmal angekündigt, den Irak besuchen zu wollen. Wäre das ein gutes Signal?

Hoppe: Die Symbolkraft eines solchen Besuches sollte nicht überschätzt werden. Die Wirkung in diesem Raum wäre beispielsweise nicht vergleichbar mit einem Papstbesuch in einem europäischen Land. Weltweit würde es wohl beachtet und auch bewundert, dass der Papst in Solidarität mit den Menschen vor Ort ein solches Risiko eingeht. Im Blick auf den Konfliktverlauf würde es wohl nur wenig bewirken. Und es wäre außerordentlich gefährlich. Der Papst bewegt sich in der Öffentlichkeit in der Regel ja nicht hinter einer dicken Glasscheibe. Wer es darauf anlegt, der kann ihn umbringen. Das ist leider so.

Frage: Können die Religionen denn überhaupt irgendetwas tun, um die Situation zu entschärfen?

Hoppe: Auf dem Gebiet der humanitären Hilfe, die dringend in Syrien und in den benachbarten Aufnahmeländern für die Flüchtlinge gebraucht wird, sind auch kirchliche Hilfswerke engagiert. Jenseits der unmittelbaren Hilfeleistung aber müssen die Religionen ihre Position zur Gewalt klären. Keine Religion ist per se gewalttätig. Aber es gibt Stränge in ihren Traditionen, die man gewaltfreundlich auslegen kann. Das ist gefährlich. Und das gilt eben auch für die muslimische Tradition. Religiöse Autoritäten, die den Koran und andere Quellentexte deuten, müssen klar machen, dass in jeder Legitimation von Gewalt, die im Namen der Religion geschieht, eine unzulässige Interpretation vorliegt. Niemand darf sich auf den Islam oder das Christentum berufen können, um der Gewalt das Wort zu reden.

Das Interview führte Gabriele Höfling

Zur Person

Dr. Thomas Hoppe ist Professor für Sozialethik mit dem Schwerpunkt politische Ethik an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Kürzlich erschien das von ihm herausgegebene Buch zum Thema: Verantwortung zu schützen. Interventionspolitik seit 1990 - eine friedensethische Bilanz, Berlin 2014.

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