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Versuchung im Gleichschritt

Das Böse fasziniert. Immerfort, zu jeder Zeit. Als Drako (Krzysztof Szumansi, Bassbariton) mit festem Schritt seiner künftigen Braut Germa (Julia Henning, Sopran) entgegen tritt, ist es schon um sie geschehen. Dieser Gang! Diese Stimme! Diese Augen! Hier, ruft uns jede Faser seines Körpers entgegen, hier kommt ein Mensch, der weiß, wo es lang geht. Ein geborener Anführer, der den Weg aus der Krise kennt. Ein Mann der einfachen Antworten.

Opern-Premiere | Hamburg - 03.05.2013

Das Böse fasziniert. Immerfort, zu jeder Zeit. Als Drako (Krzysztof Szumansi, Bassbariton) mit festem Schritt seiner künftigen Braut Germa (Julia Henning, Sopran) entgegen tritt, ist es schon um sie geschehen. Dieser Gang! Diese Stimme! Diese Augen! Hier, ruft uns jede Faser seines Körpers entgegen, hier kommt ein Mensch, der weiß, wo es lang geht. Ein geborener Anführer, der den Weg aus der Krise kennt. Ein Mann der einfachen Antworten.

Der Auftritt des Bösen ist der erste Höhepunkt der Bonhoeffer-Oper "Vom Ende der Unschuld", die eigens für den Evangelischen Kirchentag in Hamburg komponiert wurde und am Donnerstagabend Premiere feierte. Ein ehemals prächtiger Hof steht kurz vor dem Ruin, bis ein entfernter Verwandter, eben jener Draco, auftaucht und einen ungeheuerlichen, aber egoistischen Plan zur Rettung vorschlägt: Ein Staudamm soll errichtet werden, damit der Hof wieder prosperiere. Dass den anderen Nachbarn damit das Wasser abgegraben werde - umso besser.

Wölfisches Lächeln

Nicht nur mit seiner Stimme dominiert Krzysztof Szumansis Drako die Bühne, dieser Strippenzieher aus der Unterwelt, der seine Marionetten dem Abgrund entgegentreibt. Einem wilden Tier gleich umkreist er seine Beute, zieht die naive Germa, Sinnbild aller Deutschen, in seinen Bann. Doch die junge Hoferbin kennt die Geschichtsbücher nicht, sieht nicht das wölfische Lächeln, das Drakos Lippen umspielt.

Einzig Germas Bruder, der Gottgläubige Heman (Ferdinand von Bothmer, Tenor), durchschaut das infame Spiel des fremden Cousins. Doch er flüchtet zunächst vor dem drohenden Unheil, um sich dann doch noch seiner Verantwortung zu stellen - und dafür zu sterben.

Bonhoeffer wird nicht erwähnt

Der Name Bonhoeffer wird an diesem Abend kein einziges Mal auf der Bühne fallen - und doch ist gleich klar, dass er gemeint ist. Regisseurin Harms, ehemalige Intendantin der Deutschen Oper Berlin, lässt ihrem Heman mit kreisrunder Nickelbrille und blonder Scheitelfrisur auftreten. Die äußerliche Ähnlichkeit zum von den Nazis hingerichteten Pfarrer ist frappierend - wenn man Bonhoeffer denn kennt. Wer sich im Vorhinein nicht mit dem Leben des lutherischen Theologen beschäftigt hat, dem fehlt schlichtweg das Wissen, um die zahlreichen Anspielungen zu verstehen: Bonhoeffers Furcht vor dem eigenen Charisma. Der innere Zwiespalt des Geistlichen, an einem Mordkomplott beteiligt zu sein.

"Dadurch, dass wir eine Geschichte erfunden haben, war es möglich, das Zeitgeschehen zu verdichten und nicht nur abzubilden", erklärt Regisseurin Kirsten Harms, warum sich die Produktion für eine Parabel und gegen eine biographische Aufarbeitung entschieden hat. "Wir haben stattdessen geschaut, an welcher Stelle Bonhoeffer heute dem Rad in die Speichen greifen würde."

Arge Klischees

So verweben Harms und ihr Dramaturg Peter Krause zeitgenössische Krisenelemente mit der Zeit des Nationalsozialismus. Wenn Drako vorschlägt, den heruntergewirtschafteten Hof mithilfe eines Staudamms zu retten, tut er dies im feinsten Controller-Sprech: "Ich habe mir euren Betrieb angesehen. Es gibt Wasser an vielen Stellen, aber ihr nutzt es nicht." Und später, als ihn die alte Gutsherrin Angatha (Schirin Partowi, Alt) ausfragt, woher denn das Geld für die Neuanschaffungen stamme: "Dein Name hat mir Kredit verschafft!"

Dietrich Bonhoeffer an der Märtyrer-Wand der Westminster Abtei in London.  KNA

Dennoch: Ein wenig mehr Mut zur Reibung, ein stärkeres Gegen-den-Strich-bürsten, hätte der Produktion gut getan. So bedienen Heman, Drako und Germa in ihrer Figurenkonzeption doch ziemlich arge Geschlechterklischees: hier das naive Mädel, dort ihr beschützender Bruder, da der verführerische, abgründige Lover.

Manchmal sollte der Mix aus dramatischer Präsentation und Erdung des Szenarios gar leicht an einer Parodie vorbeischrammen. "Steht erst der Staudamm stark und kühn, wird unsere Erde prächtig blüh'n", intoniert der Chor der Knechte und Mägde in der Schlussszene vor der Pause, und Drako, dieser Finsterling aus der Unterwelt, erinnert mit bedeutungsschwangerer Stimme an ein baldiges "Preisschießen".

Optisch bleibt jenes Szenenbild dennoch als ein starkes zurück: Unaufhaltsam rücken die Verführten voran, eine Phalanx von Anzugträgern, längst jeder Individualität beraubt, Heugabeln bedrohlich in die Höhe gereckt.

Willenloser Mob

Die Heugabel als Symbol für den willenlosen Mob, der nachhallende Glockenschlag als Zeichen der Bedrohung - Harms hat bei ihrer Konzeption des Stückes nicht mit Anlehnungen an die Film- und Popkultur gespart. Ein Nachteil muss das nicht sein: Gerade für den seltenen Operngänger wird das Stück so zugänglicher.

Auch Komponist Stephan Pfeiffer, für den nach der Aufführung der längste Applaus aufbranden sollte, hat sich bewusst von Vergangenem inspirieren lassen - und schlägt damit einen weiteren inhaltlichen Bogen zum passionierten Kammermusiker Bonhoeffer und seinen Lieblingsmusikern.

Das Liedgut der Nazis

Heinrich Schütz, Engelbert Humperdinck, Gustav Mahler, Dmitri Schostakowitsch - fast schamlos habe er sich aller musikalischer Epochen bedient, von der gesamten klassischen bis spätromantischen Tradition. Für manche war das zu viel Anlehnung an Bekanntes. Die Komposition habe ihr "nichts Neues" gegeben, gab eine junge Musikerin nach der Aufführung zu bedenken. Pfeiffers Entscheidung, auch das Liedgut der Nazis zu zitieren, diese schmissigen, alles zermalmenden Märsche, kann ihm allerdings nicht hoch genug angerechnet werden. Als Drako seine Marionetten auf der Bühne tanzen lässt, wippt plötzlich auch hier und da im Zuschauerraum ein Knie im Takt mit. Die Versuchung im Gleichschritt, sie wirkt noch immer.

Von Jens Wiesner

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