Tod und Trauer

Virtueller Gottesacker

Trauer im Zeitalter der Digitalisierung

Bonn - 08.11.2013

Der Herr der Ewigkeit entschuldigt sich. Er kann derzeit nicht liefern. Das ewige Leben hat Zwangspause. Gläubige Christen müssen angesichts dieser unerwarteten Neuigkeit allerdings nicht nervös werden, denn die Lieferschwierigkeiten haben keinerlei theologische Gründe. Wartet der Herr der ausbleibenden Ewigkeit doch nicht auf die Seelen der Gerechten, sein Metier ist vielmehr der Fang kaufkräftiger Kunden.

Alles andere als gottgleich und allmächtig residiert er als Chef einer Firma mit dem augenscheinlich derzeit noch um einiges zu viel versprechenden Namen 'virtual eternity' in Huntsville, Alabama. Sein Geschäftsmodell ist es, gegen entsprechende Gebühr sogenannte 'intellitars' ins Internet zu stellen. Mit dem Aussehen und der Stimme realer Personen sowie künstlicher Intelligenz ausgestattet sollen sie als digitale Stellvertreter solcher Menschen handeln, die für ihre Nachkommen wenigstens online unsterblich bleiben möchten. Ein schöner Plan, der bislang freilich an schnöden Softwareproblemen krankt.

SWR-Journalist Uwe Bork  katholisch.de

Kirchen drohen abgehängt zu werden

Dem Trend zur Digitalisierung des Gedenkens tut das jedoch keinen Abbruch. Unsere Friedhöfe, in der farbigen Sprache des Volksmunds oft auch als 'Gottesäcker' bezeichnet, sind dabei, ihr Monopol als Orte der Trauer zu verlieren. Ihre Ernte wird inzwischen anderswo eingefahren.

Die Kirchen drohen bei dieser Entwicklung abgehängt zu werden. Wer postmodern in die Grube fahren will, benötigt dazu längst nicht mehr unbedingt einen Geistlichen, der am Rande des Grabes den Hinterbliebenen den Trost von Gottes Güte und von einem möglichen Wiedersehen in der christlichen Ewigkeit zuspricht. Für überzeugte Nutzer des Webs 2.0 kann an seine Stelle auch ein kreativer Programmierer treten, der dafür sorgt, dass der verstorbene Partner oder der tote Opa stets nur einen Mausklick entfernt weiterlebt.

Dauerhaft untot dank Web 2.0

Wer tot ist, ist nicht mehr im Feuer eines Krematoriums oder unter einer meterdicken Erdschicht verschwunden, er bleibt wie in einer spiritistischen Dauersitzung quasi weiterhin verfügbar, sei es als Facebook-Freund im Gedenkmodus, als dauerhaft Untoter in einem YouTube-Clip oder als bildlicher Hintergrund auf einem Smartphone, der bei jedem Anruf neu animiert wird. Trauer zu überwinden und wieder zu einem 'normalen' Leben zurückzufinden, wie es nicht zuletzt Ziel christlicher Abschiedsrituale ist, wird so nicht unbedingt leichter: Wenn ein Toter dauernd präsent gehalten wird, raubt das seinen Hinterbliebenen die Freiheit für einen Neuanfang. Mit Liebe hat das weniger zu tun als mit intellektueller Unbeweglichkeit.

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Ein herbstlicher Rundgang über den Alten Friedhof in Bonn.  katholisch.de

Dass traditionell durch die Kirchen vermittelte Glaubensinhalte an ein Leben nach dem Tode großflächig verloren zu gehen drohen, bedeutet eben nicht gleichzeitig, dass die Mehrheit der Deutschen nun auch glaubt, mit dem letzten Schlag ihres Herzens sei unwiderruflich alles zu Ende. Der Theologe Reiner Sörries, als Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg und Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet des Bestattungswesens, zieht in dieser Beziehung eine eindeutige Bilanz: "Die Säkularisierung hat letztlich nicht zu einem Verzicht auf das Jenseits geführt, sondern nur dazu, es in die eigenen Hände zu nehmen."

Im Herzen statt auf dem Bildschirm

Wahrscheinlich ist gerade das aber falsch. Der menschliche Versuch, nach dem Diesseits nun auch das Jenseits ohne Rückgriff auf transzendentale Instanzen zu regeln, dürfte in einer heillosen Überforderung enden. Dafür sind nicht nur die Probleme mit den nicht funktionierenden Intellitaren von 'virtual eternity' ein Beispiel. Auch der jetzt hierzulande verstärkt unternommene Versuch, mit den magischen Quadraten sogenannter 'QR-Codes' auf Grabsteinen eine Verbindung zwischen Lebenden und Toten zu knüpfen, führt in die Irre einer Banalisierung des Todes.

Christen wie Nichtchristen kann es nicht darum gehen, Verstorbene auf elektronischem Weg gewissermaßen dauerhaft verfügbar zu halten. Das raubt ihnen die Würde. Statt sie durch das Einscannen digitaler Signaturen jederzeit auf einem Bildschirm erscheinen zu lassen, wäre es wichtiger, sie im Herzen zu tragen. Auch wenn das für manchen kitschig klingen mag.

Von Uwe Bork

Zur Person

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR).

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