Von guten und bösen Mächten

Ostberlin, Valentinstag 1964: Katharina Lässig macht sich auf den Weg zur Liebe ihres Lebens – und landet in einer Gefängniszelle. Um Punkt 20 Uhr wartet die junge Frau am Kilometerstein 111, auf der Fernstraße zwischen Berlin und Hamburg – wie verabredet. Es ist kalt. Katharina Lässig trägt einen Pelzmantel, ein Geschenk ihrer Eltern. Gepäck hat sie nicht dabei, nur eine Handtasche mit Versicherungskarte und ein wenig Geld.

DDR | Warendorf - 08.11.2014

Ostberlin, Valentinstag 1964: Katharina Lässig macht sich auf den Weg zur Liebe ihres Lebens – und landet in einer Gefängniszelle. Um Punkt 20 Uhr wartet die junge Frau am Kilometerstein 111, auf der Fernstraße zwischen Berlin und Hamburg – wie verabredet. Es ist kalt. Katharina Lässig trägt einen Pelzmantel, ein Geschenk ihrer Eltern. Gepäck hat sie nicht dabei, nur eine Handtasche mit Versicherungskarte und ein wenig Geld.

Auch das ist verabredet: Ein Chrysler fährt rechts ran, der Fahrer steigt aus, wischt die Frontscheibe. Katharina Lässig sagt das vereinbarte Losungswort. Das hat ihr der Mann aus der Fluchthilfegruppe übermittelt, den sie alle nur "der Dicke" nennen. Sie darf einsteigen. Auf einem Waldweg tauscht sie den Beifahrersitz gegen ein Versteck zwischen Rückbank und Kofferraum. Nach etwa einer Stunde Fahrt bleibt das Auto stehen. Sie hört Lärm und Gebrüll. Alles, was dann geschieht, ist nicht verabredet.

Katharina trifft Albert - und verliebt sich

Szenenwechsel. Sommer 1955, neun Jahre vor der Flucht: Katharina Lässig steht kurz vor ihrem Abitur, da lädt eine Bekannte der Mutter sie und ihre jüngere Schwester in den Westen ein, zu einer Ferienfreizeit im Siegerland. Doch auf der Hinfahrt erfahren sie, dass die Freizeit wegen des Ausbruchs einer Kinderkrankheit nicht stattfinden kann. Die beiden Schwestern kommen im Dorf der Bekannten unter und verbringen dort ihre Ferien. In der Familie, die Katharina Lässig für ein paar Wochen aufnimmt, wohnt auch ein junger Mann namens Albert, ein Niederländer. Er sollte später ihre große Liebe werden.

Doch an dem Februar-Abend vor mehr als 50 Jahren scheint die gemeinsame Zukunft in weite Ferne gerückt. Katharina Lässig wird aus ihrem Versteck im Auto gezerrt, blickt durch gleißendes Licht in drei auf sie gerichtete Kalaschnikows. Männer schreien sie an, Hunde bellen mit weit aufgerissenen Mäulern, fletschen die Zähne.

Das ist der Moment, in dem sie ihr "Ich" abgibt – "aus Selbstschutz", wie sie heute sagen kann, mit fünf Jahrzehnten Abstand, drei Jahren Therapie und intensiver Aufarbeitung der Vergangenheit. Der Moment, von dem an sich alles "wie im Film" abspielt. Katharina Lässig weiß nicht, wohin man sie bringt. In einer dunklen Kammer muss sie sich ausziehen. "Eine junge Frau hat mir in jede Körperöffnung geschaut", sagt Katharina Lässig. "'Macht Ihnen Ihr Beruf Spaß?' habe ich sie gefragt. Sie hat 'Nein' gesagt."

Eine Mauer trennt das Paar

Wenn sie heute davon erzählt, bekommt der Schmerz ein Gesicht, der sonst unter den Lachfältchen neben ihren Augen verborgen liegt. "Damals habe ich gedacht: Liebe Schwester, auch du wirst irgendwann Rechenschaft ablegen müssen. Ich hatte Mitleid mit der Frau."

Silvester 1961, gut zwei Jahre vor der Verhaftung: Katharina Lässig und Albert Leendertse verloben sich zum Jahreswechsel. Da steht die Mauer schon seit vier Monaten. Auf das neue Jahr können sie nicht gemeinsam anstoßen. Albert muss vor Mitternacht wieder im Westen sein.

Wir lassen uns doch davon nicht auseinander bringen, haben wir gesagt.

Katharina Leendertse

In einer Blitzaktion in der Nacht zum 13. August war die Berliner Mauer gebaut worden. 28 Jahre lang trennte sie die Hauptstadt in zwei Teile. Heute ist das alles Geschichte, in der Erinnerung von Katharina Lässig jedoch bis ins Detail lebendig.

Auf dem Esszimmertisch, zwischen Kaffee und Bienenstich, erklärt sie heute die Grenze auf einer mit Blumen bedruckten Serviette: Wo Blüten zu sehen sind, findet sie Tretminen. Ihr Finger fährt über die "Todeszone" zwischen Veilchen und Lilie. Sie faltet die Serviette zusammen. Es ist vorbei. Doch damals trennte diese Grenze das Liebespaar. Davon entmutigen ließen sie sich nicht. Sie erzählt: "Wir lassen uns doch davon nicht auseinander bringen, haben wir gesagt. Das kann man nur machen, wenn man jung ist und glaubt: Die Welt steht uns trotz Mauer offen."

Katharina Lässigs Einreiseantrag in den Westen wird abgelehnt. Ihr Verlobter darf nicht in die DDR kommen. Er ist Theologe, angehender evangelischer Pfarrer. "Davon haben wir hier schon genug", kriegt er zu hören, als er vorspricht. Wochen und Monate vergehen, ohne dass das Paar eine Lösung findet. Wieder ein neues Jahr. 1964. Für die beiden sollte es kein gutes Jahr werden. Aber vielleicht ein Jahr, das letztlich alles zum Guten führen würde?

Gedichte von Bonhoeffer im Gefängnis

Grenzdurchbruch, Tunnelflucht, Kanalschwimmen – das kommt für Lässig nicht in Frage. Zu groß ist die Angst. Sie und ihr Verlobter schließen sich einer Westberliner Fluchthelfer-Gruppe an. Was sie dabei nicht wussten: "Der Dicke" aus der Fluchthelfergruppe war ein Stasi-Spitzel. Er sorgte dafür, dass Katharina Lässig in Hohenschönhausen ankam und nicht im Westen.

Die Gefangenen in Hohenschönhausen wurden physisch und psychisch gefoltert. Heute ist am gleichen Ort eine Gedenkstätte, die an das Leid der Opfer erinnern soll.
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"Ich hätte mir nie ausmalen können, dass die Flucht schiefgehen würde", sagt sie heute. Dreieinhalb Monate verbringt sie isoliert in einer Zelle, mit schwarz gestrichenen Wänden: "Ich habe mich wie in einem Sarg gefühlt. Dazu die täglichen Verhöre, acht Stunden oder länger. Niemals Entspannung." "Deprivation" heißt das im Fachjargon. Oder auch: "weiße Folter". Sie soll den Menschen langsam zermürben.

Wie kann eine junge Frau das überstehen: die Folter, die Qualen, die Einsamkeit? Die heute 76-Jährige muss nicht lange überlegen: "Mit Bonhoeffer ", sagt sie. Sie kann es auswendig, zitiert die erste Strophe: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag …" – Dietrich Bonhoeffer hatte den Text während seiner Haft geschrieben. Dann ihr Konfirmationsspruch, den sie sich immer wieder ins Bewusstsein rief: "Fürchte dich nicht, ich bin bei dir."

"Nein, ich stehe zur Kirche"

Der Glaube sei ihr immer wichtig gewesen. Dafür hat sie in der DDR einen hohen Preis zahlen müssen. Sie wollte nicht aus der Kirche austreten, nicht als Lehrerin von Tür zu Tür gehen müssen und für die Jugendweihe werben. Sie gab nicht nach. Auch nicht, als sie vor einem Podium saß und man sie nochmals fragte, ob sie nicht austreten wolle. "Nein, ich stehe zur Kirche", hat sie geantwortet. Lässig musste daraufhin ihr Studium abbrechen, wurde umgehend exmatrikuliert. "Da schlug der Staat zu", sagt sie. "Mit Berufsverbot. Es hieß: entweder Zigarettenfabrik, oder aufs Feld einer LPG." Eine Arbeit, die viel zu kräftezehrend gewesen wäre für die zierliche Frau. "Wenn schon, denn schon", habe sie sich dann gedacht. Und entschieden: Jetzt werde ich Gemeindehelferin.

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Die bewegende Geschichte einer Freundschaft, die am Grenzzaun von DDR und Westdeutschland begann.
 Dave Jörg

Das Gemeindeleben in der DDR war von Sanktionen bestimmt. "Die Religion sollte immer mehr zurück gedrängt werden", sagt Lässig. Als Gemeindehelferin gestaltete sie einen Schaukasten zum Psalmvers "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern." Da stand die Mauer noch nicht. Sie schrieb den Vers in schwungvollen Buchstaben auf ein Blatt Papier, malte darunter eine Mauer aus roten Steinen, die an einigen Stellen bröckelte. Einen Tag später kam die Stasi. Sie musste alles aus dem Schaukasten entfernen.

Ins kalte Wasser geworfen

Am 13. August 1961, dem Tag nach dem Bau der Berliner Mauer, war die Kirche plötzlich voll. "Das waren alles Stasi-Spitzel", sagt Katharina Leendertse. Die fielen auf, mit ihren Trenchcoats. Denn man kannte sich in der Gemeinde. "Hätte der Pfarrer sich kritisch geäußert, sie hätten ihn von der Kanzel weg verhaftet." Der Pfarrer flüchtet mit seiner Frau kurz danach in den Westen. Und Katharina Lässig muss die Gemeinde monatelang allein leiten. Ein Sprung ins kalte Wasser. Doch sie gewinnt dadurch eine Stärke, die ihr drei Jahre später hilft, die Strapazen der Haft durchzustehen.

Die Haft raubt ihr die Kraft. Sie darf mit niemandem sprechen: Mit einer Frau, einer Schweizerin, aus der Nachbarzelle verständigt sie sich durch Klopfzeichen. Buchstabe für Buchstabe übermittelt sie ihr so die Adresse ihres Verlobten. Die Schweizerin wird entlassen und schreibt eine Karte an Albert Leendertse, der krank vor Sorge auf eine Nachricht seiner Verlobten wartet. "Vieles ist Fügung", sagt sie heute.

Nach fünf Monaten in Hohenschönhausen folgt ein Prozess. Lässig wird verurteilt, kommt in ein Frauengefängnis nach Ostberlin. Dort warten harte körperliche Arbeit und das Hofkommando. Die anderen Frauen sagen über sie: "Sie sieht aus wie das Leiden Christi. Sie kommt aus Hohenschönhausen."

Das Ende des Leidens der Katharina Lässig lässt sich von außen betrachtet in Daten und Zahlen messen, lässt sich beziffern mit einem Tag im Kalender, der hell war mit Hoffnung auf ein neues Leben in Freiheit: Am 20. August 1964 wurde sie von der Bundesrepublik für Butter im Wert von 40.000 DM freigekauft – der Wert eines Menschen in abertausenden Packungen Streichfett. Endlich konnte sie die Mauer durchbrechen, endlich ihren Verlobten in die Arme schließen.

Heute heißt Katharina Lässig mit Nachnamen "Leendertse". Sie hat "ihren" Albert geheiratet. Im Westen haben sie ein gemeinsames Leben begonnen, ein Haus gebaut und einen Sohn groß gezogen. Heute lebt das Paar in Warendorf. Ende des Jahres feiern sie ihre Goldene Hochzeit. Soweit das Happy End.

Auch heute noch hat sie Albträume

Das Glück hat seine Schattenseite. Denn es gibt ein Leiden, das sich nicht messen lässt in Zeiten und Größen, das unermesslich ist. Das nicht endet, wenn die als Striche an die Gefängniswand gezeichneten Tage gezählt und verblichen sind: Im Schlaf kehrte Katharina Leendertse wieder zurück nach Hohenschönhausen. Nacht für Nacht. Dann war sie wieder da: allein, in der schwarzen Zelle, stundenlangen Verhören ausgesetzt. "Das Schlimmste sind die Todesträume", sagt sie. Oft wachte sie daraus schreiend auf. "Die Haft klebte an mir", sagt sie. "Sie blieb im wahrsten Sinne des Wortes haften." Doch darüber sprechen konnte sie lange nicht: "Ich musste dann weinen oder bin sogar ohnmächtig geworden."

1989 : Der Fall der Mauer erschütterte auch Katharina Leendertses Leben. Ständig fürchtete sie, Gestalten aus der Vergangenheit würden nun "rüberkommen" und ihr oder ihrem Mann etwas antun. Das hat lange gebraucht, um zu heilen. Geborgenheit hat sie gefunden, im Glauben, ihren Freunden und der Zusage: "Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand." Doch ein richtiges Zuhause? Sie schüttelt den Kopf: "Wenn einer ein Haus abbricht, baut er immer nur ein Zelt auf."

Hohenschönhausen hat sie im Jahr 2000 zum ersten Mal wieder besucht. Fünfmal waren Katharina und Albert Leendertse seither da. Die einstige Folteranstalt ist jetzt ein Museum. Und Katharina Leendertse ist lebendige Zeitgeschichte. Seit acht Jahren erzählt sie als Zeitzeugin in Schulen ihre Geschichte, lässt das Erlebte wieder lebendig werden. Damit die Menschen daraus lernen. Und damit nie wieder eine staatliche Macht Liebende trennen kann.

Von Claudia Schwarz

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