Von Katholiken und Kommunisten

Jije, Rob-Vel, Peyo, Roba: Erkennen Sie die Melodie? Das ist Belgisch; die Sprache der Comic-Kunst. Am 21. April 1938, vor 75 Jahren, erschien die erste Ausgabe des "Journal de Spirou", dessen Zeichner als "Ecole Marcinelle" (Schule von Marcinelle) stilbildend für Generationen europäischer Comics wurden.

Geschichte | Brüssel - 21.04.2013

Jije, Rob-Vel, Peyo, Roba: Erkennen Sie die Melodie? Das ist Belgisch; die Sprache der Comic-Kunst. Am 21. April 1938, vor 75 Jahren, erschien die erste Ausgabe des "Journal de Spirou", dessen Zeichner als "Ecole Marcinelle" (Schule von Marcinelle) stilbildend für Generationen europäischer Comics wurden.

Die Schlümpfe, Lucky Luke, Spirou und Fantasio, Gaston, Johann und Pfiffikus, das Marsupilami: All diese Weltbürger sind eigentlich gebürtige Belgier.

In Marcinelle bei Charleroi betrieb Jean Dupuis in den 30er Jahren eine familieneigene Druckerei. Dupuis war ein engagierter Katholik, dem die Verbreitung christlicher Werte am Herzen lag.

In den damals noch verpönten Comics entdeckte er sein Medium dafür. So erschienen in "Spirou" - abgeleitet vom wallonischen Wort für "Eichhörnchen" oder Lausejunge - auch explizit christliche Comics, die das Leben von Heiligen nachzeichneten.

Bestseller sprossen wie Pilze aus dem Boden

Nach schweren Anfangsjahren, unter anderem durch die Rekrutierung von Zeichnern als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, begann ab 1946 im Verlagshaus Dupuis ein "goldenes Zeitalter". Die Verbreitung der populären amerikanischen Comics war untersagt, und "Spirou" deckte mit einer Fülle von Talenten die wachsende Nachfrage. Neben dem französischen "Tintin" (Tim und Struppi) entwickelte es sich rasch zum führenden Comic-Magazin in Europa.

Bestseller sprossen wie Pilze aus dem Boden. A propos: Zu ihnen gehörten auch die Schlümpfe, die Zeichner Peyo (Pierre Culliford, 1928-1992) zunächst als Beiwerk zur Mittelalter-Serie "Johann und Pfiffikus" schuf. Doch schon sehr bald führten die blauen Waldwichte ein höchst erfolgreiches Eigenleben. Sehr beliebt waren auch "Bill et Boule" (Schnief und Schnuff) oder "Onkel Paul", der Episoden der Weltgeschichte vermittelte.

Kleine blaue Stars: Auch die Schlümpfe trieben ihre Späße im "Journal de Spirou".
Kleine blaue Stars: Auch die Schlümpfe trieben ihre Späße im "Journal de Spirou".
 KNA

Die vielleicht größten Stars von "Spirou" brachte Andre Franquin (1924-1997) hervor, der seit Ende der 40er Jahre die Titelhelden Spirou und Fantasio betreute. Er bereicherte deren Abenteuer um zahlreiche Nebenfiguren, darunter das Fabelwesen Marsupilami aus dem Urwald Palumbiens. Franquins aufwendiger Zeichenstil beeinflusste Wohnkultur und Futurismus der 50er Jahre, thematisierte die zunehmende Technokratie und die Diktaturen Lateinamerikas.

Als Spielwiese für seine anarchische Ader schuf sich Franquin als neuen Helden auch den chaotischen Redaktionsboten Gaston Lagaffe, der schon bald zum Publikumsliebling avancierte und Held einer selbstständigen Serie wurde.

Für die Arbeit daran gab Franquin letztlich sogar das Flaggschiff "Spirou und Fantasio" ab, an dem er sich über die Jahre abgearbeitet hatte.

Anarchie und Depression

Tatsächlich ging es in der Redaktion von "Spirou" zuweilen anarchisch zu - was auch an der kreativen Leitung des bärtigen Chefredakteurs Yvan Delporte (1928-2007) lag. Er bürstete viele gängige Produktionsweisen von Comics gegen den Strich. Je verrückter die Ideen der Redaktion, desto größer ihre Chance auf Realisierung.

Unter Delporte entstand eine enorme Kreativität in Richtung Sonderausgaben oder Merchandising von Comic-Helden: als Plastikfiguren, Poster, Gesellschaftsspiele oder im Film.

Ein Kommunist im katholischen Verlagshaus: Star-Zeichner Andre Franquin (1924 - 1997).
Ein Kommunist im katholischen Verlagshaus: Star-Zeichner Andre Franquin (1924 - 1997).
 picture-alliance/ dpa

Selbst ein erklärter Kommunist war als Zeichner im betont katholischen Haus Dupuis erlaubt. Schließlich gab es ein gemeinsames Ziel: die Verbesserung der Gesellschaft. In den wilden 70er Jahren hatten auch die Zeichner von "Spirou" ein gesteigertes Bedürfnis, sich gedanklich auszutoben.

Eine Frucht davon waren etwa Franquins "Schwarze Gedanken", erschienen ab 1977 in der "Spirou"-Beilage "Le Trombone Illustre". Franquin, der zu Depressionen neigte, verarbeitet darin künstlerisch seine makabren Gedanken über Sinn und Unsinn des Lebens, die so gar nicht zu den munteren Szenarios von Spirou, Gaston und dem Marsupilami passen wollen.

Nach der "goldenen Epoche" (1946-1968) waren manche Krisen zu überwinden. Heute steht "Spirou" angesichts des Magazinsterbens seit den 80er Jahren mit rund 40.000 verkauften Exemplaren noch recht ordentlich da. In seiner langen Geschichte hat es ein Universum von Helden geschaffen und Kinderträume beflügelt - ja mit "Spirou" ist der Comic in Europa über 75 Jahre von der verpönten Volksverdummung zur Kunstform avanciert.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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