Von Über- und Billigfliegern

In der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" geht es in dieser Woche um die einbrechenden Pilgerzahlen in Rom und die Frage: Will denn niemand mehr den Papst sehen?

Kolumne | Bonn - 06.01.2016

Im dritten Amtsjahr von Papst Franziskus hat sich die Gesamtzahl der Teilnehmer an päpstlichen Veranstaltungen in Rom halbiert. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl von 5,9 Millionen auf 3,2 Millionen Menschen. Hat also die Attraktivität des Papstes Schaden genommen oder – noch schlimmer – die Anziehungskraft der Apostelgräber?

Derartig hochtrabende Interpretationsversuche verkennen die praktischen Bedingungen. Böse Zungen behaupten etwa, nicht der überraschende Papstrücktritt und die nicht minder sensationelle Neuwahl 2013 hätten zu einem Besucherrekord auf dem Petersplatz geführt, sondern vielmehr die günstigen Rom-Tarife der Billigfluglinien. Schwächelt dieser Boom nun? Schon immer war Pilgern ein Geschäft. Seit Jahren sind vor allem die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe vor Ostia für die langen Warteschlangen am Petersdom verantwortlich. Da gehört Pilgern sozusagen zum All-inclusive-Programm.

Ganz darf man den Franziskus-Effekt allerdings auch nicht verkennen. Im letzten Jahr des Pontifikats von Benedikt XVI. wollten den deutschen Papst etwa nur 2,3 Millionen Besucher sehen, deutlich weniger als noch bei Papst Johannes Paul II. (damals noch ohne Billigfluglinien-Effekt). Im Zwei-Päpste-Jahr 2013 kamen dann 6,6 Millionen Neugierige. Gerade einmal die Hälfte erklettert jährlich die Berliner Reichstagskuppel – nur um mal einen touristischen Vergleich zu bemühen.

Profanisierung des Vatikan-Besuchs?

Dahinter steckt die Frage, wann Pilgern zum Event wird und die Suche nach Höherem umschlägt in die Sehnsucht nach dem Promi-Selfi. Der Franziskus-Effekt trägt also auch die Gefahr der Profanisierung des Vatikan-Besuchs immer in sich. Das Angelus-Gebet droht zum touristischen Event zu mutieren – in einer Liga mit dem Changing of the Guard vorm Londoner Buckingham-Palast. Nicht nur um dem entgegenzuwirken, lässt Franziskus gelegentlich Bibeltexte auf dem Petersplatz verteilen.

Zu streng darf man mit dem Pilger aber nicht sein. Haupt- und Nebensinn der Suchbewegungen sind fließend. Auch das ist ja bei Kerkeling nachzulesen. Die Zahl der Pilger, die auf dem Jakobsweg das Ziel Santiago de Compostela erreichen, steigt übrigens kontinuierlich an und lag 2015 bei über 260 000 – ganz ohne Papst. Bei den Muslimen ist die Zahl der Mekka-Pilger im gleichen Zeitraum mit drei Millionen relativ konstant geblieben. Ob die aktuellen politischen Entwicklungen daran etwas ändern, bleibt abzuwarten.

In Rom wurde derweil angesichts der terroristischen Bedrohung polizeilich aufgerüstet. Im von Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit rechnen die städtischen Behörden mit rund zehn Millionen Besuchern. Doch das dürfte wohl nur ein frommer Wunsch bleiben. Hoteliers, Restaurantbetreiber und Händler stöhnen bereits, wo sie denn bleiben, die Pilgermassen. Der Vatikan versucht deshalb, der wachsenden Enttäuschung vorzubeugen. Gefeiert werden solle ja nicht nur in Rom, sondern auch in den Diözesen, heißt es nun. Pilgern als Heimaturlaub – das konnte sich nicht einmal Hape Kerkeling vorstellen.

Hintergrund: Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

Zur Internetseite von "Christ & Welt"

Von Volker Resing

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017