Wahrheit und Barmherzigkeit

Die Bischofssynode zu Ehe und Familie hat am Montag ihre Beratungen aufgenommen. In den kommenden zwei Wochen erörtern die Bischöfe, wie die katholische Kirche mit der veränderten Lebenswirklichkeit von Familien umgehen soll und wie diese besser unterstützt werden können. Damit das gelingt, forderte der Papst die Teilnehmer in seiner Eröffnungsansprache erneut auf, ihre Meinung deutlich zu äußern und einander "mit Demut" und "offenem Herzen" zuzuhören.

Familiensynode | Rom/Bonn - 06.10.2014

Die Bischofssynode zu Ehe und Familie hat am Montag ihre Beratungen aufgenommen. In den kommenden zwei Wochen erörtern die Bischöfe, wie die katholische Kirche mit der veränderten Lebenswirklichkeit von Familien umgehen soll und wie diese besser unterstützt werden können. Damit das gelingt, forderte der Papst die Teilnehmer in seiner Eröffnungsansprache erneut auf, ihre Meinung deutlich zu äußern und einander "mit Demut" und "offenem Herzen" zuzuhören.

Sie seien "die Stimme der Ortskirchen", was eine große Verantwortung sei, so Franziskus. Es gehe darum, die Wirklichkeiten und Probleme der Kirchen zu tragen und das "Evangelium von der Familie" zu verkünden. Nach der Versammlung des Kardinalskollegiums im Februar habe ihm ein Kardinal gesagt, es sei schade, dass manche Kardinäle sich nicht getraut hätten, bestimmte Dinge anzusprechen. Sie hätten Angst gehabt, dass der Papst anderer Meinung sei.

Dies sei nicht gut und entspreche nicht dem Prinzip der "Synodalität", sagte Franziskus. Außerdem müsse man alles sagen, "was man sich im Herrn zu sagen gedrängt fühlt: ohne menschliche Rücksichten, ohne Zögern". Er hoffe, so der Papst weiter, dass Gott "unsere Herzen für seine Wege aufschließt, die menschlich unerwartet und ungedacht sind".

Es geht um die seelsorgerische Praxis

Der Generalberichterstatter der Synode , Kardinal Peter Erdö, hob in seinem Einführungsreferat hervor, eine "überwältigende Mehrheit" der Katholiken stelle die kirchliche Lehre über Ehe und Familie auch heute nicht grundsätzlich infrage. Er verwies auf die Ergebnisse der vatikanischen Umfrage zu Ehe, Familie und Sexualität. Dies gelte insbesondere für die Unauflöslichkeit der Ehe und ihren Charakter als Sakrament. Sie sei unbestritten und werde "größtenteils" im kirchlichen Umgang mit Personen, deren Ehe gescheitert sei und die "einen Neuanfang" suchten, eingehalten, so der Budapester Kardinal.

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Es gehe daher nicht um Fragen der Lehre, sondern um die seelsorgerische Praxis, erklärte Erdö. Die Umfrage habe gezeigt, dass nicht alle schwierigen und "irregulären" Situationen gleich behandelt werden könnten. Die Kirche müsse beispielsweise darüber nachdenken, wie man Menschen, die eine gescheiterte Ehe hinter sich haben, "am besten begleitet, damit sie sich nicht aus dem Leben der Kirche ausgeschlossen fühlen". Dabei gelte es die Begriffe "Wahrheit" und "Barmherzigkeit" in eins zu spannen.

Mit dem Rückblich auf die weltweite Befragung ging Erdö auch auf das Thema Homosexualität ein. Es sei breiter Konsens, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürften, was jedoch bereits im Weltkatechismus betont werde. Dennoch fordere die Mehrheit der Gläubigen keine Gleichstellung solcher Beziehungen mit der Ehe von Mann und Frau. Es gebe also "ein klares und von der Mehrheit mitgetragenes Glaubenserbe, von dem die Synodenversammlung ausgehen kann", sagte der Kardinal.

Erdö übte auch Kritik an zunehmend egoistischen Lebensentwürfen. "Viele sehen ihr Leben als eine Serie von Momenten, in denen es vor allem darum geht, sich gut zu fühlen", sagte der Kardinal. In einem solchen Blickwinkel sei das Eingehen stabiler Beziehungen etwas, das man fürchte. Dadurch werde die Zukunft zur Bedrohung. Beziehungen zu anderen könnten wie Grenzen wirken, da das Wohl eines anderen auch Verzicht mit sich bringen könne. "Oft geht mit diesem Kult des Sich-gut-Fühlens darum Isolierung einher", erklärte Erdö.

Franziskus spricht zu den Insassen der Klinik.
Papst Franziskus bei seiner Rede in einer Klinik für Drogensüchtige in Rio de Janeiro.
 dpa

Bischöfe sollen Missionseifer wiedergewinnen

Mit einem drastischen Vergleich hat der spanische Kardinal Lluis Martinez Sistach (77) im Rahmen der Synode die Entfremdung zwischen der katholischen Leitung und der Basis beschrieben. Mit Verweis auf das biblische Gleichnis vom Hirten, der 99 Schafe zurücklässt, um ein verlorenes Tier zu suchen, sprach Martinez von einer "Tatsache, dass sich heute in verschiedenen Breiten der Kirche die Zahl umkehrt". Der Erzbischof von Barcelona rief die Synodenväter bei einem Gebet in einer Sitzungspause auf, den Missionseifer wiederzugewinnen und zu vermehren. In dem Sinn sollten Bischöfe von der "Schönheit der Familie" sprechen, aber zugleich jene im Blick haben, denen es nicht gelinge, ein glückliches Familien- und Eheleben zu führen.

Aus der Sicht des Pariser Kardinals Andre Vingt-Trois steht die Synode auch für den Wunsch nach einer stärkeren Kollegialität zwischen den Bischöfen und dem Papst. Sie gelte es weiterzuentwickeln, sagte der Pariser Erzbischof in einem Grußwort an die Synode. Die Versammlung werde in zwei Wochen keine abschließenden Ergebnisse vorlegen können. Vielmehr lade sie ein, die Inhalte in den nationalen Bischofskonferenzen weiter zu vertiefen, bevor im Herbst 2015 die Ordentliche Synode zum Thema Ehe und Familie zusammentrete, so Vingt-Trois.

Kardinal Vingt-Trois: "Es gibt keine Pro-Kasper- oder Contra-Kasper-Partei"

Die Diskussion über den Eucharistieempfang für wiederverheiratete Geschiedene wird nach Einschätzung Vingt-Trois nicht zu einer Spaltung der Synode führen. "Es gibt keine Pro-Kasper- oder Contra-Kasper-Partei", sagte der Kardinal. Die Synode dürfe nicht mit einer Parlamentsdebatte verwechselt werden, bei der Mehrheiten gegen Minderheiten stünden. Stattdessen gehe es darum, in brüderlicher Verbundenheit einen gemeinsamen Willen zu entwickeln, "in aller Freiheit und mit Respekt voreinander", so das Mitglied des Synodenpräsidiums.

Um den Austausch untereinander zu fördern, waren die Teilnehmer zum ersten Mal in der fast fünfzigjährigen Geschichte der vatikanischen Bischofssynoden gebeten worden, ihre Redebeiträge vorab einzuschicken. Dadurch habe es einen sicheren Ausgangspunkt für die Arbeit im Plenum in der ersten Arbeitswoche gegeben, erklärte Kardinal Lorenzo Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode. Doch auch nach außen werden die Synoden transparenter. So gebe es tägliche Briefings für Journalisten in verschiedenen Sprachen, an denen auch "Synodenväter" teilnähmen. Außerdem würden die wichtigsten Nachrichten über den Verlauf der Synodenarbeiten auf Twitter mitgeteilt, so Baldisseri.

Bis 19. Oktober beraten 191 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen sowie Experten im Vatikan darüber, wie die katholische Kirche auf eine Kluft zwischen der Lebenswirklichkeit vieler Katholiken und der offiziellen Morallehre reagieren soll. Hierbei geht es etwa um Patchwork-Familien, wiederverheiratete Geschiedene, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Paare ohne Trauschein und die Sexualmoral. (mit Material von KNA)

Von Björn Odendahl

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