Warum ich nicht Priester wurde

Wendelin Bless wurde 1971 in München als einer der ersten Pastoralreferenten Deutschlands beauftragt. Damals war er 26 Jahre alt und wollte Priester werden. Warum er es sich dann doch anders überlegte, erzählt er im Interview.

Kirche | Bonn - 03.01.2018

Frage: Herr Bless, Sie sind Pastoralreferent, wollten aber eigentlich Priester werden?

Bless: Ja, ich stand kurz vor meiner letzten Prüfung im Studium. Dann erzählte mir ein Studienkollege, dass er die Zusage vom Bischof habe, in einer Kirchengemeinde arbeiten zu dürfen, ohne zölibatär leben zu müssen. Als ich das hörte, habe ich mich von einer Minute auf die andere umentschieden und wollte auch Pastoralreferent werden.

Frage: Aber kann man die Berufung zum Priester so schnell ablegen?

Bless: Ich finde das Wort Berufung etwas überhöht. Ich wollte in der Gemeinde tätig sein und mit Menschen zusammen arbeiten. Der neue Weg erschien mir genau der richtige für mich zu sein. Der Zölibat, von dem ich nie ganz überzeugt war, dass er für mich der richtige Weg ist, war der Grund, warum ich nicht mehr Priester werden wollte. Kardinal Julius Döpfner war damals so weitsichtig und hatte das Experiment gewagt, uns Laien in den Gemeindedienst einzusetzen. Das war für uns neu und wir waren sehr enthusiastisch.

Frage: Haben Sie damals geglaubt, dass der Zölibat abgeschafft wird?

Bless: Ja, unter uns Studenten lief eine Wette, dass es bis zum Jahr 1971 den Zölibat nicht mehr geben werde. Ein paar Skeptiker haben dagegen gewettet. Leider haben sie die Wette gewonnen. Aber unseren Wetteinsatz, eine Kiste Bier, haben wir gemeinsam getrunken. Ich kann mich aber nicht beklagen, denn ich habe mich bewusst für die Familie und gegen den Zölibat entschieden. Bei den Priestern aus meinem Ausbildungskurs, die sich 1971 weihen ließen, war das anders. Sie haben tatsächlich geglaubt, dass der Zölibat abgeschafft wird.   

Wendelin Bless wurde mit sechs weiteren ehemaligen Priesteramtskandidaten 1971 in München von Kardinal Julius Döpfner zum Pastoralreferenten beauftragt. Damals war er 26 Jahre alt.
 privat

Frage: Worauf haben Sie damals außerdem noch gehofft?  

Bless: Damals waren wir 14 Kandidaten im Priesterseminar. Die eine Hälfte ließ sich 1971 weihen, die andere Hälfte wurde so wie ich Pastoralreferent. Von der Ausbildung her waren wir gleichgestellt, in der Praxis aber waren wir Pastoralreferenten dem Priester unterstellt. Das zeigte sich auch bald bei der Aufgabenverteilung. Zuerst durften wir Pastoralreferenten im Gottesdienst predigen, manche haben auch mit dem Einverständnis ihres Pfarrers getauft oder Beerdigungen gehalten. Später hat der Bischof das Taufen unterbunden. Anfangs hieß es noch, Pastoralreferenten haben Anteil am kirchlichen Amt. Später wurde dieser Zusatz gestrichen und ersetzt durch die Formulierung: Pastoralreferenten haben lediglich "Anteil am amtlichen Auftrag der Kirche". Mit der Zeit kamen auch die ersten Frauen, die Pastoralreferentinnen wurden. Damals dachten wir uns, jetzt versucht man uns noch stärker vom Beruf des Priesters abzugrenzen. All die Aufgaben, die wir anfangs auch erledigt hatten, konnte kurz darauf auch der Ständige Diakon übernehmen. Die Weihe zog zwischen uns nur bezüglich der Taufe und Eheassistenz klar eine Aufgabengrenze.

Frage: Aber Sie hätten doch auch Ständiger Diakon werden können?

Bless: Ja, aber das wollte ich nicht, denn der Zölibat ist in diesem kirchlichen Amt in der Hintertür versteckt. Als Ständiger Diakon hätte ich nicht mehr heiraten können, wenn meine Ehefrau sterben sollte. Das wollte ich nicht.

Frage: Der Zölibat ärgert Sie?

Bless: Das nicht, aber ich bin überzeugt, dass es den Zölibat nicht geben muss. Ich könnte mir gut ein Priestertum mit verheirateten Priestern vorstellen. Es mag ein starkes Argument sein, dass man an der kirchlichen Tradition nichts ändern soll. Aber in der Bibel steht, dass selbst Petrus eine Schwiegermutter hatte. Wer darüber nachdenkt, dem wird klar, dass in der Urkirche manches logischer war als in der Kirche von heute. Aber darüber zerbreche ich mir jetzt nicht mehr den Kopf. Ich war als Laientheologe fast 40 Jahre in der Gemeinde tätig, kam mit meinem Team und den Pfarren immer sehr gut aus, heute würde ich alles genauso wieder machen.   

Im Jahr 1971 wurde Wendelin Bless, 1. von links, von Kardinal Julius Döpfner als Pastoralassistent für das Erzbistum München ausgesendet.
 Foto: Gustel Tögel / Archiv Münchner Kirchenzeitung

Frage: Haben Sie als Pastoralreferent ein liturgisches Gewand getragen?

Bless: Nein, ich wollte nicht als Pseudo-Kleriker verwechselt werden. Ich trat immer zivil und im Anzug auf, denn damit konnte ich mich vom Klerus absetzen. Nur bei Beerdigungen habe ich eine Albe getragen, weil es ein offizieller Anlass ist, an dem auch Ministranten teilgenommen haben. Da fand ich es angebracht, als Vertreter der Kirche erkennbar zu sein. Manche Kollegen haben dann aber in den 80er Jahren begonnen, bei sämtlichen Anlässen eine Albe zu tragen. Ich bin ohne gestartet und habe das auch bis heute so durchgehalten.

Frage: Was war der schmerzlichste Moment in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Bless: Einmal hätte ich gerne bei einem Kindergottesdienst die Taufe gespendet. Weil eine enge Mitarbeiterin vom Kindergartenteam eine Tochter bekommen hat, war es mir persönlich sehr wichtig, ihr Kind zu taufen. Aber mein Pfarrer hat es mir nicht erlaubt. Obwohl ich wusste, dass ich nicht dazu beauftragt war, tat mir das sehr weh. Ich bin dann nicht zu der Tauffeier hin gegangen.

Frage: Was war der schönste Moment für Sie?

Bless: Immer dann, wenn die Leute gerne zu mir in die Wortgottesfeier gekommen sind und mitgefeiert haben, war das am Schönsten für mich. Ich war in München in einer Neubausiedlung tätig. Wir hatten 240 Erstkommunionkinder, das war wirklich beeindruckend. Schön fand ich es auch immer, wenn die Leute nach dem Gottesdienst zu mir kamen und mir für meine Predigt gedankt haben. Manche haben auch gesagt, dass ich besser gepredigt hätte, als der Pfarrer. 

Frage: Sie haben vor 46 Jahren eine Wette verloren. Worum würden Sie heute wetten?

Bless: Heute würde ich nicht mehr um den Zölibat wetten, der bleibt, das ist sicher. Auch die Frage nach den weiblichen Diakoninnen wird nicht so schnell geklärt werden. Die Kirche ist noch nicht so weit. Heute würde ich mir eine stärkere Einbindung von Laien in der Pastoral wünschen, vielleicht braucht es noch mehr kollegiale Leitungsmodelle. Kirche kann so erfinderisch sein, das habe ich selbst erlebt. Warum probieren wir nicht mehr aus?

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Als Klinikseelsorgerin in Trier begleitet Marita Cannivé-Fresacher Menschen auch durch dunkle Zeiten. Sie sagt: "Es geht um den Menschen selbst und nicht nur um das, was er kann oder leistet."
 Zentrum für Berufungspastoral / Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz

Von Madeleine Spendier

Zum Berufsprofil: Pastoralreferenten

Pastoralreferenten verfügen üblicherweise über einen theologischen Hochschulabschluss und eine kirchliche, meist innerdiözesane Ausbildung. Es gibt diesen Beruf seit 1971 nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Nicht alle Bistümer in Deutschland bilden Theologen zu Pastoralreferenten aus. Als Seelsorger in einer Pfarrei, eines Pfarrverbandes, eines Dekanats oder einer anderen pastoralen Einheit sind sie dort meist einem Pfarrer oder Dekan unterstellt. Darüber hinaus sind Pastoralreferenten in besonderen Arbeitsbereichen in der Seelsorge tätig, zum Beispiel in der Krankenhaus- und Altenheimseelsorge, der Hochschulpastoral, der Caritas, im Schulwesen, in der Erwachsenenbildung, in der Jugendarbeit oder in der Kirchenverwaltung.

Übersicht Pastoralreferenten in Deutschland

46 Jahre Pastoralreferenten in München

Die Geburtsstunde des Berufes in der Erzdiözese München und Freising und damit weltweit war am 30. September 1969: Unter Leitung von Kardinal Julius Döpfner beschloss der Ordinariatsrat den Einsatz von Diplomtheologen im Gemeindedienst. Im Herbst 1970 begannen sieben Pastoralassistenten ihren Vorbereitungsdienst und wurden 1971 ausgesandt. Frauen wurden erst ab 1976 zu diesem Beruf zugelassen.

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