Was Christen nährt

Jesus wusste, dass er seinen Jüngern nicht zu viel auf einmal zumuten durfte. Aber das sollte sich ändern, wenn an Pfingsten der Geist der Wahrheit kommt. Schwester Charis Doepgen legt das Evangelium vom Tag aus.

Ausgelegt! | Bonn - 19.05.2018

Ausgelegt Autorin Schwester Doepgen

Impuls von Schwester Charis Doepgen

"Man nehme..." - so beginnen alte Rezepte. Als Kind habe ich mit Genuß in Kochbüchern geblättert. In der Phanthasie entstanden da schon durch die Namen der Zutaten verlockende Speisen, die richtig Hunger machten. Auf die Qualität der Zutaten kommt es an, wenn das Menu gelingen soll – und natürlich auf die Kochkunst der Hausfrau oder heute auch des Hausmannes.

Das Evangelium heute an Pfingsten erinnert an meine Kochbuch-Lektüre. Es funktioniert salopp gesagt nach dem Muster "man nehme": Zuerst zwei Verse aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums, dann drei Verse aus dem 16. Kapitel hinzugeben – und schon ergibt sich eine exzellente Botschaft durch das Zusammenrücken beider Aussagen. Jesus bereitet seine Jünger vor für die Zeit, wenn er nicht mehr unter ihnen ist. Er wird einen Beistand senden, den Geist der Wahrheit. Seine Aufgabe ist es, für Jesus Zeugnis abzulegen. Bei wem könnte das auch in besseren Händen liegen? Aber nun das Erstaunliche, von den Jüngern wird gleiches verlangt. Der Geist und die Jünger sind verantwortlich für das, was von Jesus und seinem Wirken in der Welt erkennbar bleiben soll. Wie ungleich sind doch diese beiden Zeugen! Oder anders gesehen: Wie groß ist das Zutrauen Jesu zu seinen Jüngern! In der Apostelgeschichte blitzt an einer Stelle etwas von dem partnerschaftlichen Verhältnis dieser so ungleichen Zeugen auf: "Der Heilige Geist und wir haben beschlossen..." (15,28). – Wo ist diese Courage geblieben, wenn mutige Entscheidungen getroffen werden müssen?

Jesus wusste, dass er den Jüngern nicht zu viel auf einmal zumuten durfte. Aber das sollte sich ja ändern, wenn der Geist der Wahrheit kommt. Zweimal spricht der Text davon. Und er ist gekommen. Das ist Fakt. Dass er in die "ganze Wahrheit" führt, lässt aufatmen. Was unser Leben oft schwer macht, sind die Halbwahrheiten. Ihnen können wir nur entgehen, wenn wir uns ganz und gar auf den verheißenen Geist verlassen. Der Geist ist ein Hörender. Also keine letzte Instanz, die ex cathedra spricht. Wir sollen ihn uns als einen Mittler vorstellen. Er hört zuerst und dann verkündet er. Nicht Konfrontation soll entstehen, sondern behutsame (Ein)Führung. Da dürfen Schritte gemacht werden, Fortschritte immer tiefer in die "ganze" Wahrheit hinein. Im Evangelium wird ein Prozess beschrieben, dessen Ende noch nicht fixiert ist. Wann ist der Zeitpunkt, da wir die ganze Wahrheit (er)tragen können? Nur der Geist kennt ihn. Nehmen wir die Worte Jesu ernst, wird mancher Wahrheitsanspruch im Namen der Kirche frag-würdig.

Noch einmal geht es um die Zutaten. Der Geist hält sich an das "Rezept" Jesu: "Er nimmt von dem, was mein ist". Was Christen nährt, ist das Wort Jesu; seiner Botschaft entnehmen wir die Zutaten für ein gelingendes Leben. Und als seine Zeugen können wir für den geistlichen Hunger der Welt die Erfahrung weitergeben: Man nehme von dem, was SEIN ist, um den Geschmack des Lebens zu kosten.

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Johannes (Joh 15,26-27; 16,12-15)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid.

Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.

Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

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