Was kann die Kirche tun?

Was kann die Kirche tun, wenn ein Wiederverheirateter die Kommunion empfangen will? Da gibt es die Dogmatik, deren Aufgabe es ist, die christliche Lehre zu bewahren und zu vergegenwärtigen. Und die besagt, dass die sakramentale Ehe unauflöslich ist. Konfrontiert wird die Lehre mit der tatsächlichen Lebenssituation vieler Christen und einer "Pastoral der Barmherzigkeit". Jedoch muss sich beides nicht ausschließen. Dabei spielt auch das kirchliche Eherecht eine wichtige Rolle.

Wiederverheiratete | Bonn - 24.03.2014

Was kann die Kirche tun, wenn ein Wiederverheirateter die Kommunion empfangen will? Da gibt es die Dogmatik, deren Aufgabe es ist, die christliche Lehre zu bewahren und zu vergegenwärtigen. Und die besagt, dass die sakramentale Ehe unauflöslich ist. Konfrontiert wird die Lehre mit der tatsächlichen Lebenssituation vieler Christen und einer "Pastoral der Barmherzigkeit". Jedoch muss sich beides nicht ausschließen. Dabei spielt auch das kirchliche Eherecht eine wichtige Rolle.

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) bringt das eigentliche Problem auf den Punkt: "Falls Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetze Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen" (KKK 1650). Das bedeutet: Weil die Ehe unauflöslich ist, lebt der Wiederverheiratete im dauerhaften Ehebruch. Der wiederum zählt zu den "schweren Sünden" und führt unweigerlich zum Ausschluss von den Sakramenten.

Das schmerzt gerade die, die sich ihrer Kirche noch verbunden fühlen und am kirchlichen Leben teilhaben wollen. Durch die Sakramente, aber auch durch kirchliche Ämter, deren Zugang ihnen verwehrt bleiben kann. Den Gläubigen hilft es meist nur wenig, dass der Katechismus auch vorsieht, ihnen durch "die Priester und die ganze Gemeinde aufmerksame Zuwendung" zu schenken, "damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten" (KKK 1651).

Moralische Bewertung der zweiten zivilen Ehe

Die "Pastoral der Barmherzigkeit", die gerade in der deutschen Kirche als Option diskutiert wird, würde bei der moralischen Bewertung der zweiten zivilen Ehe ansetzen. Sie müsste eine Antwort auf die Frage finden, ob bei einer neuen Partnerschaft tatsächlich eine - und vor allem dauerhafte - "schwere Sünde" vorliegt. Sollte die Kirche zu dem Schluss kommen, dass dem nicht so ist, könnten Wiederverheiratete in geprüften Einzelfällen zu den Sakramenten zugelassen werden.

Kardinal Müller beim Empfang in Mainz anlässlich der Feier zur Ernennung zum Kardinal.
 KNA

Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper denkt dabei an "Menschen, die ihr Scheitern erkannt haben, die sich bekehren, die keine Verpflichtungen mehr aus der früheren Verbindung haben, wohl aber aus der neuen - und die sich ernsthaft nach dem Sakrament der Eucharistie sehnen". Eingeschlossen wären eine Zeit der Buße oder Orientierung zwischen Wiederheirat und Zulassung zu den Sakramenten sowie begleitende Gespräche mit dem Seelsorger. Es gehe aber nicht darum, "die Worte Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage zu stellen", betonte Kardinal Kasper.

Dennoch: Laut Kardinal Gerhard Ludwig Müller berge dieser Ansatz zumindest die große Gefahr, "bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung" zu bewirken. Eine schnelle Lösung scheint daher also nicht in Sicht. Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation verweist stattdessen – unter anderem in einem Interview mit dem "Focus" – auf die Möglichkeit der Ehe-Annullierung. Diese sei jedoch nur wenig bekannt.

Deshalb stellt sich die Frage: Was genau ist das eigentlich? "Bei einer Annullierung entscheidet ein Kirchengericht, dass die Ehe niemals gültig zustande gekommen ist", sagt der Münsteraner Kirchenrechtler Klaus Lüdicke katholisch.de. Damit unterscheide sich das kirchliche Verfahren grundlegend von dem einer zivilen Scheidung, die eine gültige Ehe für beendet erklärt.

Drei Kategorien für Gründe einer Annullierung

Die Gründe für eine Annullierung können vielfältig sein. Grob lassen sich drei Kategorien unterscheiden. Da sind zunächst die sogenannten "Formmängel" wie die Heirat vor einem nicht zuständigen Pfarrer oder das Fehlen zweier Trauzeugen. In diesen Fällen wird die Nichtigkeit der Ehe auf dem Verwaltungsweg festgestellt. Außerdem existieren sogenannte "Ehehindernisse", die von einer Blutsverwandtschaft über die empfangene Weihe bis hin zur Beischlafsunfähigkeit reichen.

Die dritte Kategorie betrifft die Mängel beim Ehewillen. "In einem kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahren geht es immer um diese Mängel, die sowohl inhaltliche als auch psychische Gründe haben können", erklärt Lüdicke. "Inhaltlich" bedeute, dass einer der Ehepartner bewusst Wesenselemente der Ehe wie Treue oder Unauflöslichkeit ablehnt.

Der Theologe Klaus Lüdicke war von 1980 bis 2008 Professor am Institut für Kanonisches Recht der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
 KNA

Weitere Gründe seien beispielsweise psychische Erkrankungen, aber auch Druck von außen, die Ehe einzugehen, sagt der Kirchenrechtler. Entscheidend ist bei der Begründung jedoch nicht, warum eine Ehe letztlich gescheitert ist. Es geht immer um den Zeitpunkt der Heirat. "Es ist natürlich problematisch, heute eine mangelnde Ehereife festzustellen, wenn die Ehe in den 1970er Jahren geschlossen wurde", gesteht Lüdicke.

Im Idealfall gibt es Zeugen, Briefe oder Gutachten

Im Idealfall gibt es Zeugen, Briefe, Gutachten oder ähnliches aus der Zeit der Eheschließung, die die Ehenichtigkeit untermauern. Im Schnitt dauert das kirchliche Verfahren rund ein Jahr. Die Nichtigkeit wird entweder durch ein Dekret oder – wenn weitere Beweise erhoben werden mussten – durch ein zweites Urteil festgestellt. An der Entscheidungsfindung des Kirchengerichts sind drei Richter, ein Notar sowie ein sogenannter "Ehebandverteidiger" beteiligt.

Papst Franziskus hat sich zu Beginn des Jahres vor den Kirchenrichtern der römischen Rota , dem zweithöchsten Gericht der katholischen Kirche geäußert. "Kirchenrechtler dürfen bei aller Unparteilichkeit nicht Feingefühl und Menschlichkeit eines Seelenhirten vernachlässigen", sagte er dort. Klaus Lüdicke sieht darin einen aktuellen Trend bestätigt, die Schwelle für die Beweisführung zu senken. "Das bedeutet, dass die Kirchenrichter den Ehepartnern stärker Glauben schenken statt allein auf widerspruchsfreie Beweise zu setzen."

"Wir müssen den Menschen das System der Kirche natürlich erklären, weil es nicht unmittelbar plausibel erscheint", sagt Lüdicke. Eine Annullierung der Ehe relativiere das gelebte Leben der Menschen nicht. Die Zahlen der vatikanischen Ehegerichte belegen, dass ein Umdenken stattfindet. 2013 wurden rund 400 Prozesse abgeschlossen. Das sind rund doppelt so viele wie 2012. Vielleicht ein Zeichen von Barmherzigkeit?

Von Björn Odendahl

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