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Wehrdienst ohne Waffen

Ich konnte mich nach der Zeit in Prora etwa zwei Jahre lang nicht mehr unbeschwert freuen. Ich konnte auch nicht mehr richtig traurig sein. Ich fror und schwitzte selten, und ich 'latschte' durch jede Pfütze auf dem Weg. Das war der Preis monatelanger Unterdrückung der Gefühle." Der Berliner Autor Stefan Wolter beschreibt mit diesen Worten die Nachwirkungen seiner Dienstzeit bei den Bausoldaten in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR.

DDR | Görlitz - 09.09.2014

Ich konnte mich nach der Zeit in Prora etwa zwei Jahre lang nicht mehr unbeschwert freuen. Ich konnte auch nicht mehr richtig traurig sein. Ich fror und schwitzte selten, und ich 'latschte' durch jede Pfütze auf dem Weg. Das war der Preis monatelanger Unterdrückung der Gefühle." Der Berliner Autor Stefan Wolter beschreibt mit diesen Worten die Nachwirkungen seiner Dienstzeit bei den Bausoldaten in der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR.

Der Dienst als Bausoldat war die einzige Möglichkeit, in der DDR den eigentlich obligatorischen Dienst an der Waffe zu verweigern. Im September 1964 wurde dieser Dienst durch eine Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR eingeführt.

Der evangelische Theologieprofessor und Pazifist Emil Fuchs hatte mit Unterstützung der christlichen Kirchen immer wieder beim Staat auf eine Möglichkeit gedrungen, einen Wehrdienst ohne Waffe ableisten zu können. In keinem anderen Land des Ostblocks gab es bis zum Ende des Ost-West-Konflikts 1989/1990 einen vergleichbaren Dienst. Auf einem Kongress unter dem Titel "Friedenszeugnis ohne Gew(a)ehr" erinnerten am vergangenen Wochenende in Wittenberg hunderte ehemalige Bausoldaten an ihren Dienst und blickten darauf, was heute - angesichts deutscher und anderer Militäreinsätze in der ganzen Welt - dem Frieden dient.

Bis zur Wende war die Situation eine andere. Die ständig kränkelnde Planwirtschaft der DDR war auf die Bausoldaten dringend angewiesen. "Ich war unter anderem in der Wilhelm-Pieck-Stadt Guben in einem Chemiebetrieb eingesetzt", erinnert sich der evangelische Pfarrer Erdmann Wittig. Anfänglich wurden die Bausoldaten in sechs Bataillonen der Pioniertruppe eingesetzt, um etwa Schützengräben auszuheben oder Landebahnen für Kampfflugzeuge zu planieren.

Hunderte Tote unter den Bausoldaten

Nach einem erneuten Protest der Kirchen wurden die Bausoldaten dann überwiegend als Krankenpfleger in Militärkrankenhäusern, Gärtner oder in der Küche eingesetzt. Ende der siebziger Jahre verschärften sich die Bedingungen der Bausoldaten trotzdem zusehends. Sie wurden nun zumeist in größeren Einheiten zusammengefasst, etwa in Merseburg und Prora, dem Ort, an dem Stefan Wolter seinen Dienst leistete. In Block V der einst von den Nationalsozialisten geplanten Anlage waren bis zu 500 Bausoldaten zeitgleich stationiert.

Prora wurde damit zum größten und wegen des Hafenbaus in Mukran auch weithin berüchtigtsten Bausoldatenstandort in der DDR . Etwa 100 Soldaten kamen hier durch Unfälle oder Suizid ums Leben. Die Bausoldaten waren in der Chemieindustrie und vielen industriell geprägten Wirtschaftszweigen der DDR eingesetzt. In kalten Wintern halfen Bausoldaten dabei, die Förderung in den Braunkohle-Tagebauen aufrecht zu erhalten.

Der Görlitzer Erdmann Wittig war 19 Jahre alt, als er 1985 zum Wehrdienst eingezogen wurde. In Neubrandenburg - "natürlich weit weg von zu Hause" - war er stationiert und bekam auch keinen Urlaub von der Truppe. Dass er zu den Spatensoldaten, wie die Bausoldaten wegen der Spaten auf ihren Schulterstücken auch genannt wurden, gehen würde, war für Wittig schon mit 14 Jahren klar. "Das war irgendwie normal, wenn man aus so einem Elternhaus kommt", sagt der Theologe und Sohn eines Pfarrers und fügt hinzu: "Zur Totalverweigerung fehlte mir der Mut". Totalverweigerer mussten tatsächlich mit drakonischen Strafen rechnen. 18 bis 22 Monate Haft im Zuchthaus waren der Normalfall. Einige Verweigerer wurden im Anschluss an die Gefängnisstrafe aus der DDR ausgewiesen.

Mit der Bibel gegen den Wehrdienst

Die Bausoldaten argumentierten überwiegend mit der Bibel , wenn sie begründen sollten, warum sie den Dienst an der Waffe ablehnten. Ende der 1970er Jahre nahm ihre Zahl drastisch zu. Die wachsende DDR-Friedensbewegung, die sich unter dem Dach der Kirchen und der Aktion "Schwerter zu Pflugscharen" gebildet hatte, bewegte viele zu dem Dienst ohne Waffen.

Rund 28.000 Männer verweigerten in der DDR den Wehrdienst, 14.000 von ihnen leisteten den Dienst als Spatensoldat. Dessen Folgen waren nicht nur seelischer oder körperlicher Art. Viele Verweigerer mussten anschließend Schikanen bei der Ausbildung oder im Beruf ertragen. Die FDJ, die Jugendorganisation der SED, diffamierte die Spatensoldaten noch in den 1980er Jahren ganz gezielt. "Der Friede muss verteidigt werden - der Friede muss bewaffnet sein" hieß damals eine Aktion, mit der die Kommunisten versuchten, die Verweigerer einzuschüchtern.

Vor diesem Hintergrund war es deshalb ein bewusster politischer Akt, als die erste frei gewählte Regierung der DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maizière im April 1990 den ehemaligen Bausoldaten und Pfarrer Rainer Eppelmann zum Minister für Abrüstung und Verteidigung berief. Seine Aufgabe war die Vorbereitung der Auflösung der NVA. Die Bausoldaten-Bataillone existierten da schon nicht mehr. Zum 1. Januar 1990 waren die 1.500 dienenden Bausoldaten entlassen worden.

Von Markus Kremser

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