Wen kann die Kirche segnen?

Im Mai hatte Bischof Stefan Oster das vom ZdK veröffentlichte Positionspapier zur Ehe und Familie scharf kritisiert. Nun hat Oster ein Streitgespräch mit dem Generalsekretär des ZdK, Stefan Vesper, über die kirchliche Sexualmoral geführt.

Ehe und Familie | Bonn/Passau - 09.12.2015

Es ist knapp ein halbes Jahr her, dass sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zu den Themen Ehe, Familie und Sexualmoral positioniert und damit die eigenen Oberhirten gehörig verärgert hatte. Das Dokument enthalte "einige Forderungen, die theologisch so nicht akzeptabel sind", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, einige Tage nach der Veröffentlichung.

Denn die Forderung nach einer Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und einer zweiten kirchlich nicht anerkannten Ehe sei mit der Lehre und Tradition der Kirche nicht vereinbar, sagte Marx stellvertretend für die deutschen Bischöfe. Doch genau das hatte das ZdK auf seiner Vollversammlung in Würzburg Anfang Mai mit Blick auf die bevorstehende Familiensynode gefordert – wenn auch nach langem Ringen um die richtigen Formulierungen. Besonders scharfe Kritik an dem Papier kam aus Passau. In einem Facebook-Post sprach Bischof Stefan Oster von "nicht nachvollziehbaren" Beschlüssen und davon, dass die Erklärung "wesentliche Aspekte des biblischen Menschenbildes" hinter sich lasse.

Jetzt haben sich Bischof Oster und der Generalsekretär des ZdK, Stefan Vesper, im Passauer Bischofshaus zu einem Streitgespräch für die aktuelle Ausgabe der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" getroffen. Schnell wird dabei klar: Die Fronten sind verhärtet. Vesper plädiert für Reformen. Auch er sei dafür, Sexualität verantwortlich zu gestalten. "Das kann jedoch nicht bedeuten, alles abzuqualifizieren, was es an Zusammenleben außerhalb der Ehe gibt."

Oster: "Entweder Sex nur in der Ehe oder gar kein Sex"

Für den Passauer Oberhirten ist dagegen klar: "Entweder Sex nur in der Ehe oder gar kein Sex." Denn Sexualität habe ihren genuinen Ort in der Ehe zwischen Mann und Frau. Und weil die Lehre bisher nicht sage, dass Sexualität außerhalb der Ehe gut ist, könne ein solches Zusammenleben auch nicht gesegnet werden. Denn "benedicere", segnen, bedeute schließlich "gutheißen". Laut dem ZdK-Generalsekretär verdienen dagegen auch Paare, "die unverheiratet zusammenleben oder in zweiter Ehe miteinander verheiratet sind, unsere Wertschätzung". Segnen, benedicere, hieße demnach auch, für einen bestimmten Weg die Begleitung Gottes versprechen.

Stefan Vesper ist Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).
 KNA

Die Kritik, dass das ZdK mit seiner Sichtweise nicht mehr auf dem Boden der Lehre stehe, sei für Vesper verletzend und falsch. "Wir beten alle dasselbe Glaubensbekenntnis, wir gehen alle am selben Punkt los", sagt er. Doch die Lehre entwickle sich weite rund sei nicht statisch. Für Oster steckt hinter dem ZdK-Papier dagegen nicht der Wunsch, die Lehre der Kirche weiterzuentwickeln, sondern der Wunsch nach einer neuen Anthropologie.

Besonders zeigten sich die Differenzen zwischen den beiden Männern beim Thema Homosexualität. Für den promovierten Religionspädagogen Vesper muss sich die kirchliche Sexualmoral den Erkenntnissen der Humanwissenschaften stellen. "Wir wissen jetzt zum Beispiel, dass Homosexualität im Menschen angelegt ist", sagt er – und erntet prompt Widerspruch von Oster: "Wenn Sie mit 'angelegt' angeboren meinen, dann würde ich das anfragen." Für ihn sei das keine gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis, so Oster.

Homosexualität nicht angeboren?

"Wenn man zum Beispiel eineiige Zwillinge untersucht, die getrennt voneinander aufgewachsen sind, dann kann es sein, dass einer heterosexuell orientiert ist und einer homosexuell", sagt der Passauer Bischof. Für ihn ist das ein Beweis dafür, dass Beziehungsqualität und Beziehungsfähigkeit reifen müssen. Dabei könnten "Varianten sexueller Orientierung entstehen", zu der eben auch die "homosexuelle Neigung" gehöre. Aber selbst wenn die Homosexualität angeboren sei, bleibe die Frage, ob "aus der Sicht des Glaubens auch schon eine Art Recht auf verantwortete sexuelle Betätigung" abgeleitet werden könne.

Zu theoretischen Gefechten zwischen Oster und Vesper kommt es dann bei der Frage nach den wiederverheirateten Geschiedenen. Was mit der dritten und vierten Partnerschaft sei, fragt der Bischof. Könne man diesen Menschen die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten absprechen? Vesper jedoch spricht von Gewalt oder Suchtproblemen in der ersten Ehe. Und von einer zweiten Zivilehe, in der die Partner glücklich sind, gemeinsam Kinder haben, sie taufen lassen und zur Kommunion führen. Auch die dürften "nicht die Sakramente empfangen"? Auch hier keine Übereinkunft.

Stefan Oster im Porträt.
Bischof Stefan Oster kritisierte das Positionspapier des ZdK zu Ehe, Familie und Sexualmoral scharf.
 dpa

Die Frage, wie genau der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene mit der Unauflöslichkeit der Ehe in Einklang gebracht werden könnte, lässt aber auch Vesper offen. "Ich glaube, es gibt irreparable Situationen", sagt er. Und dass sich die Kirche diesen in dem Bewusstsein stellen müsse, "dass die einmal gültig geschlossene sakramentale Ehe nicht aufgelöst werden kann". Oster verweist darauf, dass die Kirche die Trennung von Tisch und Bett kenne und auch um Paare in großer Not wisse. Das Problem entstehe eben erst mit der Wiederheirat. "Deshalb ist es auch wichtig, genau zu prüfen, ob eine sakramentale Ehe gültig zustande gekommen ist."

Vesper nimmt es mit Humor

Zum Schluss des Gesprächs zwischen Oster und Vesper wird es dann mehr oder weniger persönlich. Ob sich der heutige Bischof vor seiner Berufung an die Lehre der Kirche gehalten hätte, wurde er gefragt. Schließlich habe es da eine feste Freundin gegeben. "Nein", lautet Osters Antwort. Doch er "habe so etwas wie Bekehrung erlebt". Das Wort "Bekehrung" habe aber in den volkskirchlichen Strukturen und womöglich auch in ZdK-Strukturen kaum noch einen Klang.

Vesper nimmt diese Bemerkung mit Humor und verweist auf die vielen tiefgläubigen Menschen, "die gerade weil ihnen der Glaube und die kirchliche Beheimatung so wichtig sind, so ernsthaft um viele Fragen ringen". Und dann, ganz zum Schluss, wird man sich doch noch einig. Und zwar bei der Frage, warum es eigentlich gut sei, zu heiraten. "Um lieben und geliebt sein zu dürfen", sagt Oster. "Weil man liebt und weil man geliebt wird", sagt Vesper.

Von Björn Odendahl

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