"Weniger Lehre, mehr Zuhören"

Katholiken, die sich nicht ernst genommen fühlen und eine Kirche, die Vertrauen verloren hat: Markus Wonka, Leiter der Familienberatung im Bistum Münster, findet vor der Bischofssynode deutliche Worte zur kirchlichen Ehe- und Sexuallehre.

Familie | Münster - 03.09.2015

Katholiken, die sich nicht ernst genommen fühlen und eine Kirche, die Vertrauen verloren hat: Markus Wonka, Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster, findet vor der Bischofssynode im Vatikan deutliche Worte zur kirchlichen Ehe- und Sexuallehre. Im Interview spricht er auch über seine Erwartungen an die Synode. Sein Wunsch: Die Kirche sollte die Lebenserfahrungen der Menschen stärker wertschätzen und die Eigenverantwortung der Gläubigen stärken.

Frage: Herr Wonka, was würden Sie dem Papst raten, wenn er Sie morgen anrufen und um Ratschläge für die Synode bitten würde?

Wonka: Ich würde ihm raten, die Ansprüche an die Synode nicht zu hoch zu schrauben und nicht der Versuchung zu erliegen, als könnte die Bischofsversammlung alles regeln. Das muss sie vielleicht gar nicht. Auch oder gerade ein Weltbischofstreffen kann ein so vielfältiges und schwieriges Thema wie Ehe und Familie - und das auch noch weltweit - nicht umfassend beantworten. Wir in der westlichen Welt haben ganz andere Probleme mit Ehe und Familie. Aber überall gibt es Anfragen an die kirchliche Ehelehre.

Frage: Was wäre dann Ihr Arbeitsauftrag für die Synode?

Wonka: Die katholische Kirche hat in den vergangenen Jahrzehnten ungeheuer viel Vertrauen auf diesem Gebiet verloren. Das Lehramt erweckte den Eindruck, als kenne es alle Antworten. Die Katholiken fühlten sich dabei mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen und auch ernsthaften Bemühungen um gelingende Beziehungen überhaupt nicht ernst genommen. Wenn die Synode in positiver Weise einige Grundzüge einer kirchlichen Ehe- und Sexuallehre formulieren würde, wäre das wohl ausreichend. Gefragt sind jetzt eben auch vertrauensbildende Maßnahmen.

Markus Wonka ist Leiter der katholischen Familienberatungsstelle im Bistum Münster.
Markus Wonka ist Leiter der katholischen Familienberatungsstelle im Bistum Münster. Er berichtet, dass die katholischen Ehe- und Familienberatungsstellen den Zulauf kaum bewältigen können.
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Frage: Und wie könnten die aussehen?

Wonka: Die Kirche sollte deutlicher zeigen, dass sie die Lebenserfahrungen der Menschen wertschätzt. Es geht zuerst um einen veränderten Stil: Ich würde zu weniger Lehre, stärkerem Zuhören und mehr Zurückhaltung raten. Die Kirche sollte signalisieren, dass sie die Eigenverantwortung der Menschen respektiert. Und es geht darum, ein Schwarz-Weiß-Denken abzubauen: Als ob alles, was jenseits der reinen Lehre stattfindet, Sünde und Fehlverhalten ist.

Frage: Aber geht damit nicht, wie manche konservativen Katholiken befürchten, die Klarheit der Lehre verloren?

Wonka:Ein veränderter Stil bedeutet ja nicht, dass die Kirche ihre eigenen Werte und Ziele verschweigt. Treue, Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit finden ja auch bei den Menschen viel Zustimmung. Es geht darum, dass die Kirche die fundamentalen Grundlinien wachhält, aber dann Raum lässt für eigene Verantwortung - und die Menschen dabei begleitet. Es sollte eher um eine Grundhaltung gehen als um Gesetze.

Frage: Aber sind nicht viele Forderungen, etwa zur Bindung der Sexualität allein an Ehe und die Zeugung von Nachkommen, durch Biologie und Humanwissenschaften längst überholt und müssten aktualisiert werden?

Wonka: Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat die alte Ehezwecklehre, die Sexualität nur im Zusammenhang mit der Zeugung von Nachwuchs sah, überwunden. Es hat betont, dass Sexualität auch dem Wohl der Partner und der Paarbindung dient. Das müsste aber noch deutlicher herausgestellt werden. Wenn dann in der Debatte um wiederverheiratete Geschiedene wieder argumentiert wird, eine zweite Beziehung sei nur tolerabel bei Verzicht auf Sexualität, ist das natürlich kontraproduktiv. Eine solche Sicht bedeutet eine Engführung auf die Sexualität. Es geht aber doch auch um Verlässlichkeit und Verantwortung füreinander.

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Frage: Thema auf der Synode werden vermutlich auch die kirchlichen Hilfsangebote für Paare sein. Tut die Kirche in Deutschland genug für die Begleitung von Ehepaaren und die Beratung in Krisensituationen?

Wonka: Ein Mehr wäre immer wünschenswert. Andererseits tun wir schon sehr viel. Jahr für Jahr nutzen bundesweit rund 100.000 Ratsuchende, darunter 30.000 Paare, die Angebote unserer Eheberatung. Von Bistum zu Bistum gibt es allerdings große Unterschiede. Wichtig wäre, die bereits vorhandenen Angebote in den Gemeinden besser bekannt zu machen. Ehevorbereitung, Begleitung von Paaren und die Beratung in Krisensituation könnten auch besser miteinander verknüpft werden.

Frage: Schon bei den Katholiken gibt es eine große Kluft zwischen Sexuallehre und Lebenswirklichkeit. Hat die katholische Eheberatung überhaupt noch eine Chance bei Menschen, die der Kirche fern stehen?

Wonka: Es ist eine paradoxe Situation: Zu uns kommen keineswegs nur gute Katholiken, sondern auch viele Protestanten, Muslime und Nichtchristen. Die Katholiken machen einen Anteil von etwa 55 Prozent aus, die Protestanten weitere 24 Prozent, 6 Prozent mit anderer religiöser Bindung und 15 Prozent ohne religiöse Bindung. Und unsere Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen können den Zulauf kaum bewältigen. Das scheint mir wichtig für die Kirche zu sein: Wo sie Menschen begleitet und zuhört, ohne ihre Werte zu verschweigen, ist sie hoch attraktiv und gar nicht alt und verstaubt.

Von Christoph Arens (KNA)

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