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Wenn Ignoranz gute Gründe hat

Müssen wir alles wissen, was was wir wissen können? Diese Fragen erhält mit dem Fortschritt der Medizin neue Brisanz. Eine Psychologin und ein Theologe sprechen über die Ethik des Nichtwissens.

Wissenschaft | Bonn - 11.03.2017

Würden Sie gern das Datum wissen, an dem Sie sterben werden? In einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift "Psychological Review" beantwortete die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer die Frage, ob sie über das Eintreten von negativen Ereignissen in der Zukunft im Voraus Bescheid wissen wollten, mit "nein". Ähnlich fiel das Ergebnis bei positiven Ereignissen aus. Darüber zeigten sich die Forscher erstaunt, werde doch Ignoranz allgemein als ein ungewollter Geisteszustand wahrgenommen. Ihre Erklärung dafür: Die Befragten wollten dadurch das Gefühl des Bedauerns vermeiden, das sich auf zwei Weisen einstellen könne; nämlich sowohl durch die traurige Aussicht auf Schicksalsschläge als auch durch den Wegfall von Überraschung und Spannung bei freudigen Ereignissen.

Psychologin Helga Kramer-Niederhauser kann das bestätigen. Viele Menschen, die zu ihr zur Beratung kommen, würden es tatsächlich vorziehen, über schlechte Ereignisse in ihrer Zukunft lieber nicht Bescheid zu wissen. "Grundsätzlich ist es für sie ein Schutz, nicht zu wissen, was in naher Zukunft passiert", meint die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen im Bistum Augsburg. Negatives wie eine drohende Trennung, eine zukünftige schwere Erkrankung oder der mögliche Verlust des Arbeitsplatzes löse Angst und Unsicherheit aus. Dafür fehlten den meisten Menschen Bewältigungsstrategien und eine angemessene Unterstützung.

Die Psychologin Helga Kramer-Niederhauser.
Helga Kramer-Niederhauser ist Psychologin und Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen im Bistum Augsburg.
 Nicolas Schnall / pba

Ist also die Idee, die Zukunft vorhersehen zu können, nicht besonders attraktiv? Tatsächlich ist das Recht auf Nichtwissen in Deutschland gesetzlich festgelegt. Zwar steht es nicht wörtlich im Grundgesetz, aber das Bundesverfassungsgericht formulierte es in seiner Rechtsprechung 1983 im Urteil zur geplanten Volkszählung sogar als Grundrecht. Es ist Teil des Persönlichkeitsrechts und gehört zum Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Gerade im Bereich der Medizin spielt das eine große Rolle: Hier ist zum Beispiel gesetzlich festgelegt, dass Tests an Genen und deren Analyse nur durchgeführt werden dürfen, wenn der Betroffene eingewilligt hat. Doch das ist nur die gesetzliche Lage. Ethisch und moralisch stellen sich weit mehr Fragen.

Aus gutem Grund sei das Recht auf Nichtwissen juristisch sehr hochgehängt, meint Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Denn: "Das Wissen über die hohe Eintrittswahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung kann sich bereits heute in erheblichem Maße negativ auf meine Lebensführung auswirken." Es sei dann zwar möglich, sein Leben anzupassen und damit das Risiko, zu erkranken, etwas zu entschärfen oder sogar die Erkrankung hinauszuzögern. Man könne aber umgekehrt auch zum Sklaven seiner Angst vor der Krankheit werden. "Was ich hier wissen will, muss ich schon selbst bestimmen können."

Der Katastrophe ins Auge schauen

Doch nur die Augen zu verschließen, sei ebenfalls keine gute Idee, findet Helga Kramer-Niederhauser. "Wir ermutigen die Menschen in der Beratung, der Katastrophe ins Auge zu schauen, um zu sehen, ob und wie sie vielleicht doch zu bewältigen ist." Indem sie sich über die Konsequenzen des Ereignisses bewusst würden, vor allem darin, was emotional auf sie zukäme, könnten Wege gefunden werden, damit zurechtzukommen. Der Blick auf das Drohende offenbare zudem versteckte oder übersehene Bedürfnisse. "Und manchmal erleben wir es in der Paarberatung, dass durch diese Auseinandersetzung das Paar wieder zusammenfindet", so die Therapeutin. Auch im Bereich der Gesundheit, zum Beispiel bei schweren Erkrankungen, rate sie zum Hinschauen, "um zu sehen, wie man dem Leben noch Sinn geben kann und worauf man hoffen darf – etwa darauf, dass es vielleicht nicht ganz so schmerzhaft wird, wie befürchtet". Wichtig seien Begleitung und Unterstützung, denn viele Menschen fühlten sich trotz guter medizinischer Behandlung alleingelassen.

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Je weiter die medizinische Technik fortschreitet, desto größer werden auch die Möglichkeiten der Diagnostik – und umso wichtiger die Frage nach der Wissensabsicht. Als es etwa in den 1980er Jahren möglich wurde, eine HIV-Infektion nachzuweisen, forderten Mediziner den routinemäßigen Aids-Test bei Blutuntersuchungen, um weitere Infektionen zu verhindern. Hilfsgruppen für Betroffene argumentierten dagegen, weil sie soziale Ausgrenzung und Verzweiflungstaten der Infizierten fürchteten. Sie setzten sich letztendlich durch. Aber die Frage ist nach wie vor aktuell: Was können die Folgen des selbstgewählten Nichtwissens sein?

Bei schweren Krankheiten gelte es immer, das eigene Recht auf Nichtwissen gegen die mögliche Gefährdung anderer abzuwiegen, so Lob-Hüdepohl, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. "Entscheide ich mich für mein Recht auf Nichtwissen – und das ist legitim –, muss ich andere Wege suchen, den anderen vor Risiken zu schützen." Grundsätzlich könne und dürfe es keinen Zwang zum Wissen und Testen aller möglichen Erkrankungsrisiken geben. "Sollen wir in Zukunft vor der Eheschließung eine weitreichende Unbedenklichkeitsbescheinigung verlangen", fragt Lob-Hüdepohl, "nur weil wir wissen, dass schwere Erkrankungen auch den Ehepartner erheblich belasten können?" In einem solchen Szenario könne dann die mit Absicht nicht überprüfte Erkrankungswahrscheinlichkeit eines Ehepartners wiederum zur Ehenichtigkeitsfeststellung führen. "Wo kämen wir da hin?"

Behinderung oder das "falsche" Geschlecht?

Umgekehrt scheinen aber immer mehr Menschen in anderen Feldern der Medizin, vor allem der Pränataldiagnostik, die Fähigkeiten der Wissenschaft ausnutzen zu wollen. Das Wissen um Erkrankungen eines ungeborenen Kindes sei dann legitim oder mitunter sogar geboten, meint Lob-Hüdepohl, wenn es dem Kindeswohl diene. Zum Beispiel dann, wenn man das Kind mit der Diagnose vor einem Schaden schützen oder diesen therapeutisch begrenzen könne. Indiskutabel sei aber, dass Eltern diese vorgeburtlichen Untersuchungen dazu einsetzten, um herauszufinden, ob ihr Kind etwa eine Behinderung oder das "falsche" Geschlecht hat, um es dann abzutreiben. Gleiches gelte für die Präimplantationsdiagnostik.

Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik
Andreas Lob-Hüdepohl ist Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.
 KNA

Sei es bei einem ungeborenen Kind oder beim eigenen Erbgut: Die Menschen, die überlegten, eine Diagnose einzuholen, fragt Kramer-Niederhauser zuallererst nach ihrer Motivation. "Was würden Sie denn mit diesem Wissen anfangen? Welche Konsequenz hätte das?" Einige überdächten dann ihre Absichten und entschieden sich gegen die Untersuchung. "Sie fassen Vertrauen und sind sich sicher, sich auch dann noch mit dem Ereignis auseinandersetzen zu können, wenn es tatsächlich eintrifft." Es gebe auf der anderen Seite aber auch Menschen, die sich zu einer Untersuchung entschlössen, um sich dadurch möglichst gut auf die Zukunft vorbereiten zu können.

Auch Lob-Hüdepohl zeigt Verständnis für die Neugier und die Ängste von Eltern. "Das Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne genetisch bedingten Beeinträchtigungen ist wie jedes Zusammenleben von Menschen kaum frei von erheblichen Belastungen." Dennoch dürfe das Leben eines Menschen niemals in der Verfügungsgewalt eines anderen sein, über Kinder könne nicht von deren Erzeugern nach Belieben verfügt werden. "Vielmehr haben die Eltern alle Pflicht, ihre Kinder als gleichberechtigte Erdenbürger durch ihre elterliche Sorge, wie Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant es trefflich formuliert, 'mit diesem ihrem Zustande zufrieden zu machen'."

Die biblische Schöpfung und der Determinismus

Doch wo wird das Wissen zu viel? Schon jetzt sind Vorsorgeuntersuchungen medizinischer Standard, viele Gesundheitsbewusste nutzen außerdem Apps zum Bewegungstracking oder zur Schlaf-Analyse. Lob-Hüdepohl bricht dagegen eine Lanze für das das Unvorhersehbare: "Weder unser persönliches Leben noch das Leben der Gesellschaft oder der Menschheit insgesamt verläuft nach einem geheimen, festgezurrten, detaillierten Fahrplan ab, der uns zu bloßen Marionetten eines Weltenplanes degradierte." Daher würde auch eine Erkrankung nicht unseren höchstpersönlichen Umgang mit ihr vorherbestimmen. Der Theologe nimmt diese Gewissheit aus den biblischen Schöpfungserzählungen, die er als Gegenentwurf zu einem deterministischen Weltbild liest. "Die Welt ist uns Menschen als Ebenbilder Gottes zur – ich betone – kreativen Mitgestaltung anvertraut." Voraussetzung dafür sei Offenheit, und dabei helfe, das Unperfekte wertzuschätzen. Dies wende sich gegen jede Form von Fatalismus, stattdessen setze sie "auf unsere Kreativität, die verändert und gestaltet; die sich und anderen etwas zutraut". Die Frage, so Lob-Hüdepohl, sei doch die: "Gestatten wir unserem Leben nur eine vorausberechnende Prognose? Oder geben wir ihm die Chance auf eine unverplante Zukunft?"

Kramer-Niederhauser verwehrt sich ebenfalls gegen übermäßige Informationsbeschaffung im Bereich der Gesundheit. Nicht nur gehe durch Schrittzähler und Wasser-Trink-Apps das Gefühl für den Körper verloren. Sie sieht zudem die Würde des Menschen in Gefahr: "Der Mensch ist doch mehr als die Informationen über seine Gesundheit!" Außerdem habe sie immer wieder erlebt, dass es trotz des größten technischen Fortschritts anders komme, als es diagnostiziert wurde. "Überrascht werden vom Wunder des Lebens – das habe ich nicht mehr, wenn ich schon alles weiß. Man würde sich selbst dadurch sehr viel nehmen", so Kramer-Niederhauser.

Bliebe da noch der Glaube. Ihn hat Kramer-Niederhauser in den Beratungsgesprächen häufig als Hilfe erlebt, auch wenn längst nicht nur katholische Ratsuchende zu ihr kommen. "Das Vertrauen in Gott kann ihnen Kraft geben." So erklärt sie sich auch ein weiteres Ergebnis der Studie zum Nichtwissen-Wollen: Die Teilnehmer, die angaben, dass sie an Gottesdiensten teilnähmen, wollten häufiger als der Durchschnitt von den drohenden Ereignissen erfahren. Diese Menschen hätten ein grundsätzliches Vertrauen, meint die Psychologin. "Sie glauben, dass ihnen trotz allem geholfen werden wird oder dass das Schwere im Leben einen tieferen Sinn hat." Gläubige könnten sich zudem häufig auf die Unterstützung durch ihre Gemeinschaft verlassen und fühlten sich so in Schicksalsschlägen nicht alleingelassen. Ein Fazit, zu dem auch die Relienzforschung komme: "Da wurde festgestellt, dass sinnstiftende Faktoren wichtig sind, um wieder Zuversicht zu bekommen. Dazu gehört der Glaube und die Verbundenheit zu einer Gemeinschaft, durch die man Treue, Stabilität und Halt erfährt."

Von Johanna Heckeley

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