Wenn Protestanten mit dem Papst zur Krippe pilgern

Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte die Basis das Wort: Und dort gab es Kritik an einem mangelnden Entgegenkommen der Katholiken im Reformationsjahr.

Evangelische Kirche | Bonn - 13.11.2017

Isabel Schneider-Wölfinger ist enttäuscht von den Katholiken und ihrem Beitrag zum ökumenischen Gedenken an die Reformation. Ein "fröhliches Fest des Christentums" habe sie erwartet. Doch in einem ökumenischen Gottesdienst in Fritzlar mit dem Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen und dem evangelischen Landesbischof Martin Hein habe sie das Gefühl gehabt, die Protestanten seien nur "Gast und dürfen mitmachen". In der Kirche habe zwar ein evangelischer Posaunenchor gespielt, doch ansonsten sei die Botschaft gewesen: "Das Grundlegende ist und bleibt die katholische Kirche", so die evangelische Religionspädagogin aus der Landeskirche Kurhessen-Waldeck. So habe man etwa im Glaubensbekenntnis für die katholische Kirche gebetet.

Schneider-Wölfinger sprach am Montag vor der EKD-Synode in Bonn, dem höchsten Entscheidungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Tagesordnungspunkt lautete 'Zukunft auf gutem Grund', das Schwerpunktthema der diesjährigen Synode. Es ging um Eindrücke und Erlebnisse im Reformationsjubiläumsjahr. Die Basis hatte das Wort. Schneider-Wölfinger war eine von acht sogenannten Scouts, die dieses Jahr im Auftrag der Synode beobachtet haben. Sie trug zum Thema Ökumene vor.

Auf katholischer Seite ist zum gemeinsamen Reformationsgedenken von Katholiken und Protestanten oft zu hören, die Basis sei ja in Sachen Ökumene ohnehin schon viel weiter als die Bischöfe. Die Protestantin Scheider-Wölfinger sah es hingegen genau umgekehrt: Die "offiziell demonstrierte Bereitschaft" bedeute noch längst nicht, dass Ökumene "im Sinne voller Anerkennung der Verschiedenheit" an der Basis gelebt werde. Als Beleg hierfür schilderte die Religionspädagogin ihren persönlichen Eindruck von einer ökumenischen Sternwanderung evangelischer Gemeinden mit einer katholischen Pfarrei. Daran hätten sich kaum Katholiken beteiligt. Auch die anderen Scouts hätten ähnliche Erfahrungen gemacht, sagte sie. Oft seien ökumenische Veranstaltungen von katholischen Pfarreien nicht ausgehangen worden oder es habe nur eine geringe Beteiligung gegeben. Insgesamt habe sie das "Beharren auf katholischen Gepflogenheiten" verstimmt, resümiert sie. "Insofern bin ich nicht ganz froh und hoffnungsvoll."

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Weniger Besucher als erwartet, höhere Sicherheitsmaßnahmen: Für die Feier des Reformationsjubiläums muss die Evangelische Kirche deutlich mehr bezahlen, als erwartet. Und noch etwas schlägt zu Buche.

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Am Sonntag hatte das auf der Synode noch etwas anders geklungen. Da hatten zum Auftakt zunächst die offiziellen Vertreter das Wort: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte, "natürlich" gebe es auch nach dem Reformationsjahr noch gewichtige Hürden auf dem Weg zu einer sichtbaren Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Diese seien aber "überwindbar und nicht notwendigerweise kirchentrennend". Die Reformationsbotschafterin des Rates der EKD, Margot Käßmann, verwies darauf, dass Katholiken und Angehörige anderer Konfessionen am Jubiläum "aktiv beteiligt" gewesen seien.

Etwas konkreter hatte sich zuvor der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) geäußert. Bischof Karl-Hinrich Manzke nannte als langfristige Perspektive eine "gemeinsame Erklärung zu Kirche, Amt und Abendmahl" analog zur Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von Katholischer Kirche und Lutherischem Weltbund von 1999. Auch wenn der "Grundwasserspiegel der Freundschaft" eindeutig gestiegen sei, werde das aber wohl noch Jahre dauern, so Manzke auf der gemeinsamen Tagung der VELKD und der Union Evangelischer Kirchen, die der EKD-Synode vorausging.

Der Leiter der evangelischen Delegation in den Gesprächen zwischen dem Vatikan und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Christian Schad, stellte weitere Gespräche mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen in absehbarer Zeit in Aussicht. "Wir sind uns in ekklesiologischen Fragen viel näher, als wir gedacht haben", so der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in der Pfalz. In der Vollversammlung der GEKE im September 2018 werde das Ergebnis der Gespräche darüber vorgestellt. Dann können möglicherweise weitere Gespräche mit dem Vatikan begonnen werden, so Schad.

Auch in der Vorlage des Präsidiums der EKD-Synode, die am Montag an die Teilnehmer ausgeteilt wurde, war die Bilanz des gemeinsamen Reformationsgedenkens noch deutlich positiver ausgefallen. An "vielen Stellen" sei ein ökumenischer Geist sichtbar geworden, hieß es darin.

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Wie verstehen Katholiken die Kirche? Wie verstehen Protestanten die Kirche? Und wie kommen die beiden zusammen? Katholisch.de hat mit dem Erfurter Dogmatiker Josef Freitag über das Thema gesprochen. (Artikel von Februar 2016)

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Zu Schneider-Wölfingers Statement gibt es in der anschließenden Aussprache zwei Wortmeldungen. Eine betrifft die Posaunenchöre. Die sieht eine Synodenteilnehmerin durch die Ausführungen des Scouts offenbar verunglimpft. Posaunenchöre seien "eine extrem wichtige Gruppe, das möchte ich einfach mal hier klarstellen", sagt sie. Sie hätten "unglaublich viel" zum Reformationsjubiläum beigetragen. Als daraufhin der Applaus des Plenums ausbleibt, fügt die Posaunenchor-Anwältin hinzu: "Das scheint nicht so im Bewusstsein zu sein".

Die zweite Wortmeldung zielt auch auf nichtmusizierende Protestanten und Katholiken. Ein Synodenteilnehmer spannt den Bogen vom Reformationsjahr zu Weihnachten. Ökumene sei ebenso wie Weihnachten als Geschenk zu verstehen, sagt er. Es sei ein "fantastische Idee", aber er stelle sich vor, wie der Papst, Bischöfe, Kirchenpräsidenten und die gesamte Christenheit sich zusammen auf den Weg nach Bethlehem machten, "unterwegs und ganz unterschiedlich", sagt er. "Hauptsache wir kommen an, eines Tages, nicht heute, nicht morgen, aber wir sind unterwegs."

Nach rund einer Stunde ist die Aussprache beendet. Zum Abschluss stimmt die Synode das Lied "Der Himmel geht über allen auf" an.

Von Thomas Jansen

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