Missbrauch bei Domspatzen - Wer hat davon gewusst?

Bedrückend liest sich, was Alexander Probst als Domspatz an Übergriffen erlitten hat. Sehr persönlich schreibt er in seinem Buch über sein Leiden und seinen zähen Kampf um Anerkennung und Aufklärung.

Missbrauch | Regensburg - 13.02.2017

Missbrauch und Misshandlung Hunderter Regensburger Domspatzen haben der traditionsreichen katholischen Einrichtung in den letzten Jahren viel mediale Aufmerksamkeit eingetragen. In diesen Tagen wollte der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber seinen Abschlussbericht zu diesem dunklen Kapitel vorlegen. Doch der lässt auf sich warten. Stattdessen erscheint am Montag das Buch eines Protagonisten auf der Seite der Betroffenen.

Peiniger wird erst Priester und dann suspendiert

Mit einem Co-Autor hat Alexander Probst seine Geschichte aufgeschrieben, die vor allem ein Motiv prägt: den zähen Kampf um Anerkennung des Erlittenen - etwas, das auch viele andere ehemalige Domspatzen umtreibt. In der Ich-Form schildert Probst, heute ein erfolgreicher Hundetrainer, was er Ende der 1960er Jahre in der Vorschule des weltberühmten Knabenchors in Etterzhausen an Misshandlung erlebt hat.

Später, am Musikgymnasium in Regensburg, missbraucht ihn ein Erzieher, ein sogenannter Präfekt, nachts im Schlafsaal, weit mehr als hundertmal, wie er schreibt. Der nicht mit seinem Klarnamen bezeichnete Täter wird später Priester in einem bayerischen Bistum und 2010, nach Bekanntwerden der Vorwürfe, suspendiert. Nachlesen kann man nun, wie Probst im Jahr darauf von seinem Peiniger einen Anruf erhält und der ihm tatsächlich ein gemeinsames Buch über "unsere schöne Zeit" bei den Domspatzen vorschlägt.

Alexander Probst gehörte als Vertreter der Missbrauchsopfer zum Aufarbeitungsgremium im Bistum Regensburg. Jetzt hat er ein Buch über den Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen geschrieben.
 dpa/Armin Weigel

All das ist bedrückend, aber nicht neu, denn Probst war der erste ehemalige Domspatz, der im Skandaljahr 2010 öffentlich über das Erlebte sprach - in Magazinen und in Talk-Shows. Für ihn war es der Beginn des langen Anrennens gegen das Nicht-Gehört-Werden, das sich mit dem Buch nun in komprimierter Form nachvollziehen lässt.

Die vehement vorgetragene Anklage des Autors wendet sich nicht nur gegen den Täter. Probst ist der bisher einzige Belastungszeuge, wenn es um die Frage geht, ob Papst-Bruder Georg Ratzinger von den Missbrauchsfällen bei den Domspatzen wusste. Probsts Vater, ein ehemaliger Preisboxer, habe den langjährigen Domkapellmeister kurz vor Schuljahresende 1971 lauthals zur Rede gestellt, schreibt der Ex-Domspatz.

Ratzinger: Selbst Schläge ausgeteilt

Ratzinger hat in Interviews zwar eingeräumt, selbst Schläge ausgeteilt zu haben, allerdings nur im Rahmen dessen, was damals in pädagogischen Einrichtungen und Familien üblich gewesen sei. Von sexuellem Missbrauch bei den Domspatzen habe er aber nie etwas mitbekommen. Das mag Probst nicht glauben.

Auch bei der Rolle Gerhard Ludwig Müllers in dem Komplex gehen die Sichtweisen auseinander. Probst wirft dem Kardinal vor, als Bischof von Regensburg von 2002 bis 2012 die Aufklärung der unrühmlichen Domspatzenvergangenheit nicht nur nicht befördert, sondern geradezu verhindert zu haben. Der Kardinal dagegen besteht darauf, er habe diese initiiert. Sein Nachfolger Bischof Rudolf Voderholzer habe darauf aufbauen können.

Die Regensburger Domspatzen sind der aus Knaben und jungen Männern bestehende Domchor des Regensburger Domes, der auf eine über tausendjährige Geschichte zurückblicken kann.
 KNA

Keinen Zweifel lässt das Buch daran, dass der aktuelle Regensburger Bischof zur Aufklärung und Aufarbeitung nach Ansicht des Großteils der Betroffenen entscheidend beigetragen hat. Was Probst am Ende seines kämpferischen Leidensberichtes letztlich versöhnlich stimmt.

Doch gerade die so mühsam erstrittene Aufklärung könnte kurz vor dem Ziel ins Stocken kommen. Sonderermittler Weber geriet vor wenigen Wochen in den Strudel eines Regensburger Politik-Skandals, die Korruptionsaffäre um den inzwischen in U-Haft sitzenden Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD). In Webers Privatwohnung soll es kurz vor Ende 2016 ein Treffen der Hauptbeschuldigten gegeben haben, berichteten mehrere Medien. Von der Vernichtung von Beweismitteln und der Beeinflussung eines Zeugen ist die Rede.

Weber schweigt bisher dazu. Das Bistum Regensburg als sein Auftraggeber in Sachen Domspatzen verwies gegenüber dem Bayerischen Rundfunk auf die Unschuldsvermutung und stellte fest, es gebe keinen Anlass zu Zweifeln an Webers Vertrauenswürdigkeit. Mit seinem Abschlussbericht wird aber erst im März gerechnet.

Von Christoph Renzikowski (KNA)

Hinweis zum Buch

Alexander Probst mit Daniel Bachmann, Von der Kirche missbraucht. Meine traumatische Kindheit im Internat der Regensburger Domspatzen und der furchtbare Skandal, Verlag Riva München 2017, 19,99 Euro.

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