Wie Kardinal Müller instrumentalisiert wird

Katholische Medien spekulieren wild darüber, wie das letzte Gespräch zwischen Franziskus und Kardinal Müller abgelaufen sein könnte. So tragen sie zur Selbstzerfleischung der Kirche bei, kommentiert Björn Odendahl.

Analyse | Bonn - 12.07.2017

Wie lief das nun genau an diesem verhängnisvollen 30. Juni? Bereits Tage bevor Papst Franziskus seinem Mann in Glaubensfragen, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, mitteilte, dass er sein Amt nicht mehr viel länger innehaben würde, spekulierten einige – eher konservative – Medien heftig darüber: Würde der Papst einen weiteren Verfechter der reinen Lehre links (oder besser rechts?) liegen lassen? So, wie er es mit den vier "Dubia"-Kardinälen getan hat?

Die Fakten sprechen für sich: Müller ist nicht mehr Präfekt der Glaubenskongregation. Wer jedoch damit gerechnet hat, dass die Debatte nun endet, hat sich getäuscht. Denn es hat eine Schlammschlacht begonnen, wie sie für die Kirche nicht peinlicher sein könnte. Dabei treten durchaus Ungereimtheiten auf, die Papstkritikern in die Karten spielen: Wie kann der Papst, der noch Ende 2015 ein außerordentliches Heiliges Jahr, ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hatte, selbst so unbarmherzig sein, und einen seiner wichtigsten Mitarbeiter kompromisslos vor die Tür setzen?

Differenzen oder keine Differenzen?

Denn so wie Kardinal Müller sein Verhältnis zum Papst beschreibt, gab es zwischen beiden keine Differenzen. Ob dem wirklich so ist, mag man bezweifeln. Schließlich hat sich der Präfekt schwer damit getan, das Apostolische Schreiben "Amoris Laetitia", eine Herzensangelegenheit des Papstes, in dessen Sinne zu deuten. Zu spät kam wohl auch Müllers Intervention, als vier Kardinäle – unter ihnen auch der mittlerweile verstorbene Joachim Meisner – zu eben jenem Schreiben öffentlich ihre Zweifel anmeldeten. Und zu guter Letzt dürfte es ihm keine Punkte eingebracht haben, als er behauptete, das Pontifikat Franziskus' müsse – anders als bei dessen Vorgänger – theologisch begleitet werden.

Müller sagte der "Passauer Neuen Presse", der Papst habe ihm erst am letzten Tag seines Mandats "innerhalb einer Minute mitgeteilt", dass er die Amtszeit nicht verlängern würde. Und das auch noch ohne Gründe zu nennen. Stimmt das, so darf man – ob Differenzen oder nicht – urteilen: Das ist kein guter Stil. Und vor allem ist der Papst hier kein gutes Vorbild für alle kirchlichen wie nicht-kirchlichen Arbeitgeber weltweit. Wenn dann auch noch Medien, unter anderem die argentinische Tageszeitung "Clarin", eher Bescheid wissen, als der Betroffene selbst, zeigt das, dass auch nicht alle Papstvertrauten mit offenen Karten spielen.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, und Papst Franziskus bei den Beratungen der Bischofssynode zu Ehe- und Familienthemen im Oktober 2014 im Vatikan.
Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Papst Franziskus im Gespräch: Können sie die Ungereimtheiten noch ausräumen?
 KNA

Doch mit den neuesten Gerüchten, die etwa das traditionalistische Portal gloria.tv oder der US-Blog "OnePeterFive" streuen, kann das nicht mithalten. Sie berichten von einem angeblichen Vorfall, der sich nur wenige Tage nach dem 30. Juni zugetragen haben soll. Bei einem Essen seines Abiturjahrgangs in Mainz soll Müller von seiner Begegnung mit dem Papst berichtet haben. Der hätte ihm fünf Fragen gestellt. Die Themen: Müllers Positionen zum Diakonat und Priesteramt für Frauen, zum Zölibat, zu "Amoris laetitia" und zu drei Angestellten der Glaubenskongregation, die Franziskus angeblich entlassen haben soll.

Schon allein der Fragenkatalog erscheint ungewöhnlich, fasst er doch so ziemlich genau die Ängste zusammen, die konservative Katholiken unmittelbar mit dem amtierenden Pontifex verbinden. Darüber hinaus soll das Gespräch zwischen Müller und dem Papst laut den Portalen ein abruptes Ende genommen haben. Franziskus sei aufgestanden und gegangen. Der Präfekt des päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, sei schließlich erschienen und habe die Audienz für beendet erklärt.

Unseriöse Quelle hat Gespräch erfunden

Als Quelle geben die Portale eine Person aus "dem Zentrum des loyalen und gut vernetzten deutschen Katholizismus" an. Wie es um die Glaubwürdigkeit dieser Quelle steht, schreibt etwa die Katholische Zeitung  "Die Tagespost". Man kenne die anonyme Quelle in der eigenen Redaktion, aber auch in Rom sei sie als "dubiose Figur" bekannt, deren sprudelnde Phantasie keine Grenzen kenne.

Die Geschichte ist ein gefundenes Fressen für all jene, die dem Papst nicht nur theologisches, sondern auch menschliches Versagen unterstellen möchten, um dessen Autorität zu untergraben. Aber auch einem Kardinal Müller helfen Veröffentlichungen dieser Art nicht. Im Gegenteil. Sie instrumentalisieren ihn. Das ist auch dem ehemaligen Präfekten klar, dessen persönlicher Sekretär sich nun zu einer Stellungnahme genötigt sah. Der Papst habe diese fünf Fragen nicht gestellt. Und der Artikel auf "OnePeterFive" schade dem Kardinal, heißt es darin.

Die Geschichte ist also nicht nur ein ge-, sondern auch ein erfundenes Fressen. "Fake news" auf katholisch sozusagen. Selbstverständlich kann man auch nach dem Dementi Müllers fragen: Hat der Kardinal sich zuvor richtig verhalten? Hat der Papst sich richtig verhalten? Klären können das wohl nur die beiden selbst. Viel schlimmer ist, dass vermeintlich katholische Medien statt zur Neuevangelisierung lediglich zur Selbstzerfleischung der Kirche beitragen – und dabei weder vor einem vermeintlichen Reformer wie Franziskus noch vor einem vermeintlichen Bewahrer wie Müller Halt machen.

Von Björn Odendahl

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