Wie kommt die Botschaft zu den Menschen?

Bach hat mir die Bibel nahegebracht", schwärmt Dagmar Bertram. In den Motteten und Oratorien des Komponisten ist die passionierte Berliner Chorsängerin seit Jahrzehnten zuhause. Auch in den vielen Gotteshäusern, in denen sie auftritt. "Aber in eine Kirche eintreten? Nein. Ich will mich nicht auf eine Religion festlegen", betont sie. Aus Sicht der Kirchen ist die sympathische 71-Jährige ein "härterer Brocken" als manch eingefleischter Atheist.

Glaube | Berlin - 08.12.2012

Bach hat mir die Bibel nahegebracht", schwärmt Dagmar Bertram. In den Motteten und Oratorien des Komponisten ist die passionierte Berliner Chorsängerin seit Jahrzehnten zuhause. Auch in den vielen Gotteshäusern, in denen sie auftritt. "Aber in eine Kirche eintreten? Nein. Ich will mich nicht auf eine Religion festlegen", betont sie. Aus Sicht der Kirchen ist die sympathische 71-Jährige ein "härterer Brocken" als manch eingefleischter Atheist.

Bertram hat die Botschaft gehört, und auch an einem Glauben fehlt es nicht. Und doch kam es für sie nie in Frage, sich taufen zu lassen, wie sie als Gast einer Tagung bekennt. Bis Freitag ging es in Berlin um Menschen wie Dagmar Bertram. Eingeladen hatten die "Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral" (KAMP) und die "Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen" (EZW).

Im Auftrag ihrer Kirchen nehmen beide Einrichtungen die Menschen in den Blick, die gegenüber Kirche oder Religion distanziert oder sogar gleichgültig sind. In dieser Hinsicht belegt vor allem der Osten Deutschlands einen Spitzenplatz im weltweiten Vergleich. Doch auch der Westen ist - mit Abstand - offenbar auf demselben Weg.

"Wissenschaftlich" begründete Konfessionslosigkeit

Die Zahlen sind aus Kirchenperspektive alles andere als ermutigend. Der Anteil der konfessionslosen Bundesbürger liegt im Westen Deutschlands bei rund 17 Prozent, im Osten gar bei 74 Prozent, wie der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel angibt. Die Annahme, dass mit dem Ende des religionsfeindlichen SED-Regimes auch die entscheidende Ursache wegfiel, erweist sich als Trugschluss. Ex-DDR-Bürger empfinden ihre "wissenschaftlich" begründete Konfessionslosigkeit oft als besonders fortschrittlich, analysiert KAMP-Mitarbeiter Tobias Kläden als weiteren Grund.

Klädens Kollege Hubertus Schönemann leitet daraus die Empfehlung ab, dass die Christen ihren Glauben deutlicher als vernünftig begründbar vorstellen sollten. Für noch wichtiger hält der KAMP-Leiter, dass die Kirchen sich für Dialoge "auf Augenhöhe" mit konfessionslosen Menschen öffnen. Solche Kontakte sind "zwar kein Allheilmittel, aber alternativlos", wie auch EZW-Leiter Reinhard Hempelmann meint.

"Es lohnt sich, jedem nachzugehen"

Erste Erfahrungen auf diesem Gebiet hat die "Arbeitsstelle Kirche im Dialog" der neuen evangelischen Nordkirche gesammelt. "Gut, dass mich jemand mal danach fragt", hört ihr Rostocker Mitarbeiter Jan Wilkens immer wieder, wenn er konfessionslose Menschen zu ihren Weltanschauungen interviewt. Die Vielfalt solcher Antworten kann Werner Höbsch bestätigen, der das Internetportal www.ohne-gott.de des Erzbistums Köln betreut: "Es lohnt sich, jedem nachzugehen".

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Bericht einer Erwachsenen von ihrer Motivation für die Taufe
 Erzdiözese Freiburg

Das Phänomen des wachsenden religiösen Indifferentismus treibt auch die Philosophie um. Ihr Vertreter an der Erfurter Katholisch-Theologischen Fakultät, Eberhard Tiefensee, hält die lange unbestrittene Annahme eines "homo religiosus", eines von Grund auf religiös veranlagten Menschen, für fragwürdig. Auch indifferente Menschen machten Erfahrungen, dass es mehr geben könnte als die vordergründige Realität, betont Tiefensee. Ihnen reiche jedoch eine innerweltliche Erklärung aus, betont er. "Wie im Kern des christlichen Europas ein solcher Volksatheismus entstehen konnte, ist immer noch zuwenig erforscht", räumt er ein.

Theologen und Bischöfe sind jetzt schon nach neuen Formen der "Glaubenskommunikation mit Konfessionslosen" angefragt. Der sperrige Tagungstitel scheint da wie eine Bestätigung für Hans-Martin Barth. Der evangelische Systematische Theologe appelliert an die Kirchen, die Sprache ihrer Gottesdienste und Glaubensformeln für Außenstehende zu übersetzen. Zudem rät er ihnen, Möglichkeiten einer "gestuften Mitgliedschaft" zu erwägen, für die es etwa in Indiens Kirchen bereits Beispiele gebe.

Berlins evangelischer Bischof Markus Dröge warnt indes vor der Gefahr, sich um sich selbst zu drehen. "Weniger von der Kirche, mehr von der christlichen Botschaft sprechen", rät auch der Erfurter Altbischof Joachim Wanke.

Von Gregor Krumpholz

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