Vatikan

"Wieder einmal typisch Franziskus"

Vatikanexperte Stefan von Kempis über das aktuelle Papst-Interview

Bonn/Rom - 01.10.2013

Welche Bedeutung hat das Interview mit Papst Franziskus , das die Zeitung "La Repubblica" am Dienstagmorgen veröffentlicht hat? Stefan von Kempis, Redakteur bei Radio Vatikan, hat das Gespräch ins Deutsche übersetzt. Im Interview mit katholisch.de analysiert er zentrale Passagen des Textes und erklärt, warum er ihn für mehr als nur eine kleine Sensation hält.

Frage: Herr von Kempis, Papst Franziskus gibt einem bekennenden Atheisten in einer politisch linkstehenden Zeitung ein Interview. Das klingt nach einer kleinen Sensation, oder?

Von Kempis: Das ist eine große Sensation. Angefangen hat es mit dem offenen Brief Eugenio Scalfaris an Papst Franziskus, auf den dieser aus heiterem Himmel vor Kurzem geantwortet hat. Dass der Papst sich nun gerade die "Repubblica", sicher eine der kontroversesten, aber wohl nicht die beste italienische Zeitung, ausgesucht hat, lässt viele hier aufhorchen.

Frage: Sie haben das Interview für Radio Vatikan ins Deutsche übersetzt. Was sind ihrer Ansicht nach die zentralen Stellen des Gesprächs?

Von Kempis: Es ist wieder einmal typisch Franziskus: Man fällt von einer Überraschung in die andere. Zum Beispiel nennt er als das, was die Kirche am dringendsten anpacken muss, nicht den Zölibat oder das Frauendiakonat, sondern Jugendarbeitslosigkeit und die Einsamkeit, in die alte Menschen abgeschoben werden. Oder dass er Proselytismus [Das Abwerben von Gläubigen aus anderen Religionen Amn. d. Red.] wörtlich eine "riesen Dummheit" nennt, die überhaupt keinen Sinn habe. Dass ihm das Höfische an der Kurie auf dem Wecker geht, haben wir schon geahnt – nicht erst seit dem Interview mit den Jesuitenzeitschriften. Sehr weit aus dem Fenster lehnt er sich nach meinem Eindruck, wenn er sagt, dass sich Kirche nicht über Gebühr in die Politik einmischen soll – jedenfalls, ich zitiere wörtlich, "solange ich hier sein werde." Interessant ist, dass er sagt, in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei in Bezug auf Ökumene und Öffnung zur modernen Welt wenig geschehen, und er das ändern wolle. Aufhorchen lässt auch, dass er sich gleich zweimal auf Kardinal Carlo Maria Martini namentlich bezieht, also den Kardinal, der in den 1980/90er Jahren als die große Reformhoffnung vieler Menschen nicht nur der italienischen Kirche angesehen wurde. Das ist schon ein sehr deutlicher Hinweis, was der Papst von Kirche will.

Frage: Im Interview wird Kritik an der Kurie laut, just an dem Tag, an dem die Kardinalskommission zu möglichen Kurienreformen ihre Arbeit aufnimmt. Ist dieser zeitliche Zusammenfall mehr als Zufall?

Von Kempis: Das ist Zufall, weil das Interview laut Scalfari Dienstag letzter Woche stattgefunden habe. Es wurde also nur zeitgleich veröffentlicht. Man kann aber schon sagen, dass Franziskus aufs Tempo drückt. Er führt nicht nur Interviews und Gespräche, sondern lässt sich nun auch über mögliche Reformen informieren. Da geht es vor allem um Änderungen in den Vatikan-Statuten, an der apostolischen Konstitution "Pastor Bonus", einer Art Grundgesetz des Vatikan. Da wird wirklich an den entscheidenden Stellschrauben gedreht, auch was die Kirchenführung und ihre Art der Regierungsweise betrifft.

Das Interview führte Christoph Meurer

Kritik an Kurie und Klerikalismus

Erneut sorgt Franziskus mit einem Interview für Schlagzeilen. Unmittelbar vor der ersten Sitzung der Kardinalskommission zur Kurienreform hat der Papst seinen Willen zur Erneuerung von Kirche und Vatikan bekräftigt. In einem Gespräch mit dem Journalisten Eugenio Scalfari, das die italienische Zeitung am Dienstag veröffentlichte, bemängelte er den Kurienapparat als "zu vatikanzentriert". Kritik äußerte er auch am Klerikalismus.

Kritik an Kurie und Klerikalismus

Interview auf Deutsch

Die deutsche Redaktion von Radio Vatikan hat das auf italienisch geführte Interview ins Deutsche übersetzt. Zu lesen ist es auf der Webseite von Radio Vatikan.

Interview auf Deutsch

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