"Wir brauchen eine Kultur der offenen Arme"

Die Erwartungen an die Familiensynode sind hoch. Der Präsident des Familienbundes der Katholiken, Stefan Becker, fordert im Interview auch mit Blick auf die wiederverheirateten Geschiedenen und die Homosexuellen "eine Kultur der offenen Arme" statt einer Ausgrenzung.

Familiensynode | Berlin - 03.10.2015

Die Erwartungen an die Familiensynode im Vatikan, die am 6. Oktober beginnt, sind hoch. Der Präsident des Familienbundes der Katholiken, Stefan Becker, fordert im Interview auch mit Blick auf die wiederverheirateten Geschiedenen und die Homosexuellen "eine Kultur der offenen Arme" statt einer Ausgrenzung.

Frage: Herr Becker, welche Erwartungen haben Sie an die Familiensynode?

Becker: Ich erwarte auf jeden Fall, dass die Bischöfe im Vorfeld der Synode nicht nur theologische Texte gewälzt haben, sondern dass sie auch in vielfältiger Weise mit den Familien selbst ins Gespräch gekommen sind. Ich glaube, das ist die beste Voraussetzung.  Das Leben ist sehr vielfältig und damit auch die Herausforderungen für die Familien. Zwischen der Eindeutigkeit der Lehre und der Vielfalt der Familien gilt es Brücken zu bauen. Aber anstatt nur eine Brücke zu konstruieren, über die dann alle zu gehen haben, fände ich es viel spannender zu sagen:: 'Lasst uns viele kleine Brücken und Stege bauen!' Dann sieht es aus wie in Venedig und nicht wie in San Francisco mit der riesigen Golden Gate Bridge. 

Stefan Becker ist seit Oktober 2014 Präsident des Familienbunds der Katholiken in Deutschland.
 KNA

Frage: Auf diese Brücken warten auch homosexuelle oder wiederverheiratete geschiedene Katholiken. Wird es da Bewegung beim Umgang mit diesen Gruppen innerhalb der Kirche geben? 

Becker: Ich wünsche mir, dass die Kirche wieder stärker für eine Spiritualität der Liebe steht - und nicht für ein Klima der Ausgrenzung. Statt Verurteilung und Entmutigung braucht es vielmehr einer Kultur der offenen Arme. Eine zivile Zweitehe sollte nicht einfach als fortdauernder Ehebruch verurteilt, sondern je nach Situation auch als verantwortungsvoller Neuanfang bewertet werden. Es muss im konkreten Gemeindealltag erfahrbar werden, dass auch wiederverheiratete Geschiedene zur Kirche gehören und nicht ausgegrenzt werden.  

Frage: Wie bewerten Sie die im Vorfeld der Synode vorgenommenen Änderungen des Papstes beim Ehenichtigkeitsverfahren? 

Becker: Die Problematik der wiederverheirateten Geschiedenen kann meiner Meinung nach nicht durch die Bagatellisierung des Scheiterns der ersten Ehe und eine bloße Veränderung der Praxis von Eheannullierungen gelöst werden. Ehenichtigkeitsverfahren lösen kaum die menschliche Problematik. Deshalb wundert es mich auch, dass dieser Aspekt einen so hohen Stellenwert erfährt. Für mich steht etwas im Vordergrund, das auch im Alltag viel größer Bedeutung hat, nämlich die Unauflöslichkeit der Familie: Meine Mutter bleibt stets meine Mutter, mein Vater bleibt stets mein Vater und meine Geschwister bleiben ein Leben lang meine Geschwister - egal, wie weit man sich auseinanderentwickelt. Dieses Wesensmerkmal einer Familie sollte stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. 

Frage: Wie werden Sie die Synode verfolgen?  

Becker: Ich werde sie auf verschiedenen Kanälen aufmerksam verfolgen. Wir sind froh, dass wir mit unserem geistlichen Begleiter, dem neuen Berliner Erzbischof Heiner Koch, jemanden haben, der vor Ort ist und mit dem wir in engem Kontakt stehen. Da die Synode ja über viele Tage hinweg stattfindet, bin ich auf den Verlauf gespannt. Bei der vergangenen Synode fand ja auch eine gewisse Dynamik statt. Ich glaube, es sollten nicht vorschnell Zwischenergebnisse kommentiert werden. Wir werden als Verband auch erst mal zuhören und abwarten, welche Ergebnisse es gibt.

Von Birgit Wilke (KNA)

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