"Wir stehen an ihrer Seite"

Demokratische Parteien, Kirchen und Vertreter der Zivilgesellschaft haben ein Zeichen gegen Judenhass gesetzt. "Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen. Sie sollen spüren, dass dieses Land unser gemeinsames Zuhause ist", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag auf einer Kundgebung in Berlin. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland , Dieter Graumann, betonte: "Wir sind hier, um gemeinsam und geschlossen zu zeigen: Keinen Platz für Judenhass."

Judentum | Berlin - 14.09.2014

Demokratische Parteien, Kirchen und Vertreter der Zivilgesellschaft haben ein Zeichen gegen Judenhass gesetzt. "Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen. Sie sollen spüren, dass dieses Land unser gemeinsames Zuhause ist", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag auf einer Kundgebung in Berlin. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland , Dieter Graumann, betonte: "Wir sind hier, um gemeinsam und geschlossen zu zeigen: Keinen Platz für Judenhass."

An der Demonstration vor dem Brandenburger Tor nahmen nach Angaben des Zentralrates rund 8.000 Menschen teil, die Polizei hatte anfangs von 4.000 Teilnehmern gesprochen. Mit der Kundgebung werde "ein Zeichen gegen Antisemitismus, gegen Extremismus und gegen Menschenfeindlichkeit sowie für Respekt vor dem Glauben und der Kultur des jeweils anderen gesetzt, sei er Jude, Muslim oder Christ", sagte Merkel. "Das jüdische Leben gehört zu uns. Es ist Teil unsere Identität."

Diskriminierung und Ausgrenzung dürften in Deutschland keinen Platz haben. Wer Demonstrationen als Deckmantel nutze, "um seinen Hass auf andere Menschen, seinen Hass auf Juden auszuleben, der missbraucht unsere so wertvollen Grundrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit", sagte die Kanzlerin. Und weiter: "Wer Menschen, die eine Kippa oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle."

Demonstration als Antwort auf judenfeindliche Äußerungen

An der Veranstaltung unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck, SPD-Chef Sigmar Gabriel, mehrere andere Kabinettsmitglieder, Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen sowie Mitglieder jüdischer Gemeinden aus ganz Deutschland teil. Anlass waren judenfeindliche Äußerungen, die im Sommer bei Demonstrationen in Deutschland gegen die israelische Militäroffensive im Gazastreifen laut geworden waren.

Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Dieter Graumann ist seit 2010 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
 dpa/Andreas Arnold

Graumann sagte, nie im Leben habe er sich vorstellen können, in Deutschland gegen Antisemitismus demonstrieren zu müssen. Nach den "schlimmsten antisemitischen Parolen auf deutschen Straßen seit vielen Jahrzehnten" sei dies aber nötig. In einem Interview hatte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden zuvor ein schärferes Vorgehen der Polizei gegen antisemitische Hetze im Internet gefordert. Viele, die im Internet gegen Juden Stimmung machten, schrieben unter richtigem Namen, sagte er der "Passauer Neuen Presse" (Samstag). "Es wäre gar nicht so schwer, sie zu belangen."

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, warnte vor wachsender Intoleranz in Deutschland. Juden und Nichtjuden "stehen gemeinsam gegen Intoleranz, gegen Fanatismus, gegen Antisemitismus", sagte er. In einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag" schrieb Lauder: "Es braucht mehr Anstrengungen in den Schulen, in den Elternhäusern, bei den Fernsehsendern. Antisemitische Taten müssen besser erfasst werden. Die Dunkelziffer ist zu hoch."

Marx: Der Hass der Wenigen wird mächtig durch das Schweigen der Vielen

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz , Kardinal Reinhard Marx, betonte die Gemeinschaft von Christen und Juden im Kampf gegen Antisemitismus. "Sie sind nicht alleine, wir stehen an ihrer Seite", sagte Marx (siehe Textbox). Schulter an Schulter müsse auch der Alltagsantisemitismus bekämpft werden. "Der Hass der Wenigen wird mächtig durch das Schweigen der Vielen", so Marx. Christen, Juden und Muslime müssten sich gemeinsam gegen solche Angriffe zur Wehr setzen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland , Nikolaus Schneider, warnte davor, offenen und latenten Judenhass zu unterschätzen. Noch immer müssten jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt werden. Das sei beschämend, so Schneider. Solidarität mit Juden und ein Einstehen für das Existenzrecht des Staates Israel seien kein Hindernis, Kritik an politischen Entscheidungen und Entwicklungen Israels zu äußern. (stz/dpa/KNA)

Ansprache von Kardinal Reinhard Marx

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat am Sonntag an der Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass" in Berlin teilgenommen. Katholisch.de dokumentiert seine Ansprache in Auszügen: "Ich bin heute hier nach Berlin gekommen, um Ihnen, den Juden in diesem Land, zu sagen, dass Sie nicht allein sind, dass Sie Freunde haben. Die katholische Kirche gehört zu Ihren Freunden. Wir stehen an Ihrer Seite. In den vergangenen Wochen wurden auf unseren Straßen antijüdische Parolen gegrölt, wurden Synagogen beschädigt, wurden Juden beleidigt und tätlich angegriffen. Dieser Hass hat viele von uns - auch mich - überrascht. Wir dachten, dass so etwas der Vergangenheit angehört, dass es heute nicht mehr vorkomme. Doch wir haben uns geirrt. Antisemitismus ist leider immer noch ein Problem - und zwar ein Problem für uns alle. Noch bedrohlicher als die antijüdischen Parolen auf Demonstrationen empfinde ich den Antisemitismus im Alltag. Da wird "Jude" auf Schulhöfen und in Fußballstadien zu einem Schimpfwort. Da müssen die Online-Redaktionen auch seriöser Zeitungen immer wieder hasserfüllte und menschenverachtende Leserkommentare löschen. Antisemitismus ist nicht nur eine Sache der Extremisten; er reicht bis in die viel zitierte "Mitte der Gesellschaft" hinein, bis in die Reihen derer, die sich für moderne und aufgeklärte Zeitgenossen halten. Dieser Antisemitismus macht sich heute oft am Staat Israel und an der Nahost-Politik fest. Unterschiedliche Positionen zur Politik dürfen aber nie Vorwand sein für Hass und Antisemitismus. Antisemitische und antiisraelische Parolen werden häufig vermischt und es gibt keinen Zweifel: Menschenverachtende Parolen haben leider zugenommen! Den Antisemitismus des Alltags können wir auch nur im Alltag bekämpfen. Wer sich über Juden oder andere verächtlich äußert, verdient entschiedenen Widerspruch - auf dem Schulhof, im Fußballstadion oder auf der Geburtstagsfeier. Denn vergessen wir nicht: Der Hass der Wenigen wird mächtig durch das Schweigen der Vielen. Wenn wir unsere Bibel aufschlagen, egal ob eine jüdische oder christliche Ausgabe, dann machen wir eine interessante Entdeckung. Die Bibel beginnt nicht mit der Berufung Abrahams; sie beginnt nicht mit der Erwählung Israels und auch nicht mit der Gründung der Kirche. Am Anfang steht die Erschaffung der Welt und des Menschen. Am Anfang steht ein Menschenpaar, von dem wir alle abstammen. Das ist eine moralische Botschaft. Wir alle - gleich welcher Nation, Religion oder welchen Geschlechts – teilen dieselbe Menschlichkeit. Alle Menschen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen oder in säkularer Sprache übersetzt: Wir alle haben dieselbe Menschenwürde. In der Bibel werden die Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen Völkern und Religionen, keineswegs geleugnet. Aber grundlegender als alle Unterschiede, grundlegender auch als der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen ist die gleiche Würde aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk, das die Welt aus den Händen Israels empfangen hat. Wer die Würde eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen missachtet, zerstört nicht nur die moralischen Grundlagen unseres Zusammenlebens, er beleidigt auch Gott. Wer im Namen Gottes Hass predigt und den anderen verachtet, der missbraucht den Namen Gottes. Angesichts des Hasses, den wir in den vergangenen Monaten erleben mussten, ist es unsere gemeinsame Aufgabe, diese geistliche Herausforderung anzunehmen. Wenn ich von einer gemeinsamen Aufgabe spreche, dann meine ich nicht nur Juden und Christen, sondern schließe ausdrücklich auch die Muslime ein. Es ist die gemeinsame Aufgabe von Juden, Christen und Muslimen, jede Form von Menschenverachtung und jede Form von Judenhass als das zu bekämpfen, was sie ist: Blasphemie, ein Angriff auf Gott selbst!"

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