Wir werden auferstehen!

Das Leben ist langweilig. Am Ende. Da gibt es nur den Tod. Für jeden. Und davor: Sterben. Kürzer oder länger. Jeder. "Sie werden sterben" hieß es auf den Werbeplakaten zur ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" , die in der vergangenen Woche in allen ARD-Programmen lief. Warum nicht "Wir werden sterben"?

Kommentar | Bonn - 26.11.2012

Das Leben ist langweilig. Am Ende. Da gibt es nur den Tod. Für jeden. Und davor: Sterben. Kürzer oder länger. Jeder. "Sie werden sterben" hieß es auf den Werbeplakaten zur ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" , die in der vergangenen Woche in allen ARD-Programmen lief. Warum nicht "Wir werden sterben"?

Zunächst jedoch Danke. Die Themenwoche lud zum Gespräch in der Öffentlichkeit ein. Warum aber kam sie so todlangweilig daher? Weil sie politisch korrekt sein wollte. Und das heißt heute: Wir wollen dir Gutes tun. Und wir wollen dir nicht reinreden. Also reden wir vom großen Tod mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Dem der Unterhaltung. Wenn Sterben und Tod schon schrecklich sind, soll wenigstens fernsehgerecht dargestellt werden, was drum herum geschieht. Da sieht es doch noch ganz schön aus. Wir machen Euch weis, dass man leicht damit umgehen kann.

Zitat ARD: "Mit sorgfältig ausgewählten Spielfilmen, Reportagen, Dokumentationen, Features, Diskussionen und Interaktionen will die ARD starke emotionale Akzente setzen und umfassend informieren. Als Paten für die ARD-Themenwoche engagieren sich die Theologin Margot Käßmann, der Kabarettist Dieter Nuhr und ARD-Moderator Reinhold Beckmann." Sollte das lustig werden? Jedenfalls wurde die Themenwoche nicht ausschöpfend lebendig. Friedhofsgänge. Bestatter. Betuliche Musik. Trauerredner-Dumpfheit. Und Kinder. Zum Beispiel: Wie Kinder über den Tod denken. Das ist gut fürs Emotionale. Und am Ende wissen wir, was wir über Kinderdenken immer schon wussten. Nur nichts über den Tod. Langweilig.

Tod und Sterben kann man nicht zeigen

Kein Wunder. Fernsehjournalisten müssen von Berufs wegen zeigen, was sie sehen, Radiojournalisten hörbar machen, was sie hören. Sterben jedoch kann man nicht sehen. Man kann nur Röcheln hören. Das spezifische Schwitzen ins Bild setzen. Sterbende zeigen. Aber a) gehört sich das nicht; nicht einmal in unserer voyeuristischen Welt. Und b) zeigt man damit nicht das, was Sterben ist. Vor allem aber: Das dauert. Denn Sterben geht lange. Als Alternative zeigt man eben Schwerkranke, die selber sterben wollen. Und sich dann selber umbringen. Das geht schneller. Und ist emotionaler.

EineTochter nimmt zärtlich ihren Vater in die Arme, der nicht bei Bewusstsein ist.
Angehörige sind zu Besuch bei einem Patienten. Die Tochter nimmt zärtlich ihren Vater in die Arme.
 KNA

Auch den Tod kann man nicht zeigen. Also echte Tote. Denn a) geht auch das nicht; selbst in unserer voyeuristischen Welt nicht. Und b) sind Tote nicht der Tod. Also werden Bestatter gezeigt, die sich an Körpern zu schaffen machen. Und junge Auszubildende in diesem Gewerbe. Das gibt eine gute Geschichte. Und ist emotionaler.

Mutig. Aber wenig tiefgründig

Dennoch: mutig. Die ARD hat Tod und Sterben thematisiert. Doch wo war der Mut, sich mit der Frage aller Fragen zu beschäftigen? Etwa: Warum überhaupt Tod? Ist es nicht zum Schreien, dass wir sterben müssen? Was ist danach? Wohin entschlafen wir? Und: Warum soll man überhaupt leben, wenn alles sterben muss?

In Texten der ARD liest man: "Erst durch den Tod konnte die perfekte Anpassung des Menschen an seine Umwelt gelingen." Der Tod als Schöpfer des Menschen? Das ist zwar schön formuliert, aber den Tod als Zweck der Evolution zu denken, ist schon sehr gewagt. Das mögen andere glauben. Ich glaube lieber mit über 60 Prozent der Mitglieder unserer Gesellschaft: "Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn" (Röm 6, 23). Das bekennen Christen sicher sehr differenziert. Und sie sagen: Gott wird richten die Lebenden und die Toten. Es gibt ein Auferstehen nach dem Tod.

Der Fall ins Nichts - und dann?

Daraus folgt eine Ethik. Das Memento mori, das Meditieren über die eigene Sterblichkeit, sollte zu einem besseren Leben führen. Und natürlich auch: Vergreife dich nicht am Leben! Die ARD hätte mehr zeigen sollen, wie aus der Hoffnung auf die Erlösung durch Gott Musik wird, Gedicht und Gebet, Ritual und Begleitung in Leid und Tod. Wie daraus Gelassenheit und Hoffnung wachsen gegenüber Sterben und Tod. Denn aus dem Tod selber kommt nichts. Er liefert den Stoff für Tragödien. Er ist der Fall ins Nichts. Doch aus dem Nichts kann nur Gott etwas schaffen.

Diesen spirituellen Aspekt des Themas hätte ich gern mehr gesehen und gehört. Zum Beispiel: Wie behinderte Menschen, die den ganzen Tag Pflege benötigen, mit Gott ringen? Warum viele Christen abends beten: "Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden". Was Buddhisten angesichts des Todes zur Hoffnung sagen. Wie Juden und Muslime Gott am Werk sehen angesichts des Todes. Und das Erlösung für Christen und für Gläubige der großen Weltreligionen etwas vollkommen anderes meint als Endlösung im Kleinen: Zu töten, was einen leiden und sterben lässt – nämlich das Leben.

Gnadenlos allein

Wir werden sterben. Die ARD-Themenwoche aber machte daraus: Du wirst sterben. Sie lag damit ganz im Trend einer Gesellschaft, die sich nicht mal mehr im Tod einig weiß. Die Formulierung suggerierte: Und du musst sehen, wie du dich so vorbereitest, dass das möglichst angenehm wird. Mit der Formulierung des Themas hat die Themenwoche schon den größten gesellschaftlichen Missstand ins Licht gerückt: Der Tod wird privatisiert.

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Abschied nehmen im Trauermonat November
 Michael Dudok de Wit

Leider bot die Themenwoche wenig Wege aus der Einsamkeit, in die einen die Erkenntnis stürzt, sterblich zu sein. Stattdessen wurde der Eindruck erweckt, der Tod sei uns zwar allen gemeinsam, doch die Antwort auf das Sterben müsse jeder allein finden. Und niemand dürfe sich in die eigene Suche nach einer Antwort einmischen. Folglich dürfe auch niemand sich in die Suche des anderen nach einer Antwort einmischen.

Darf man sich den Tod wünschen?

Es wurden Bestatter gezeigt, die auf alle Wünsche eingehen. Schön. Journalistischer wäre es gewesen, zu fragen, welchen Zwängen die Wünsche der Hinterbliebenen unterliegen. Der Arzt reicht dem, der sich töten will, den Gifttrunk. Journalistischer wäre es gewesen, zu fragen, woher Selbsttötungswünsche kommen. Und woher die Vorstellung kommt, jeder müsse alles für sich selbst entscheiden und jeder sei nur sich selbst gegenüber verantwortlich.

Wer sagt eigentlich, dass sich ein Mensch auch den Tod wünschen und ihn herbeiführen darf? Und andere hätten ihm da nicht reinzureden? Das Jüngste Gericht bedroht Christen nicht, sondern befreit sie zu einer umfassenden Sicht. Es zu erwarten, lenkt die Aufmerksamkeit Gottes auf das eigene Leben. Er macht wachsen und reifen im Sterben möglich. Leben und Liebe sind Wahrheiten und sind gültige Werte, die nicht von unserer Gefühlslage abhängen.

Gläubige Christen gehören zur Gesellschaft

Gott und Religion wurden im Rahmen der Themenwoche vielleicht als Trost und Ritual erwähnt - doch kaum mehr. Dass Gott den Menschen ruft, sich dem geschenkten Leben gegenüber zu verantworten und sich entsprechend zu verhalten, passt nicht in die Angst vor Autoritäten. Die Verheißung des Glaubens ist natürlich wenig fernsehgerecht. Aber einen betenden Schwerkranken hätte man sicher finden können, auch einen fröhlichen und gottergebenen Sterbenden. Eine betende Gemeinschaft, die eben nicht nur ein Ritual begeht, sondern wirklich glaubt, was sie da feiert. Auch sie sind gesellschaftliche Gruppen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht nur in der Kirchenecke zeigen muss.

Es ist wahr: Wir werden sterben. In der Wucht dieser Wahrheit hören viele Mitglieder der Gesellschaft: Wir werden auferstehen! Darüber hätte ich in der Themenwoche gern mehr erfahren. Sie wäre damit interessanter geworden.

Von Bruder Paulus Terwitte

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