• © Bild: Eugenio Marongiu/Fotolia.com

"Wir wissen es schon lange"

Die Aufregung war groß. Sollten im Vorfeld der Bischofssynode 2014 zu Ehe und Familie wirklich alle Gläubigen auf der Welt befragt werden? Ganz so ist es nicht. Wohl aber will der Vatikan aus allen Ländern mittels eines Fragebogens Stimmungsbilder einfangen. In Deutschland leiteten Bistümer und Verbände die Fragen entweder eins zu eins oder in einer aufbereiteten Form an die Gläubigen weiter. Nun liegen die ersten Ergebnisse vor – und die sollten den Verantwortlichen zu denken geben.

Ehe und Familie | Bonn - 19.12.2013

Die Aufregung war groß. Sollten im Vorfeld der Bischofssynode 2014 zu Ehe und Familie wirklich alle Gläubigen auf der Welt befragt werden? Ganz so ist es nicht. Wohl aber will der Vatikan aus allen Ländern mittels eines Fragebogens Stimmungsbilder einfangen. In Deutschland leiteten Bistümer und Verbände die Fragen entweder eins zu eins oder in einer aufbereiteten Form an die Gläubigen weiter. Nun liegen die ersten Ergebnisse vor – und die sollten den Verantwortlichen zu denken geben.

Beispiel Erzbistum Köln. "Insgesamt wird die Lehre der Kirche als welt- und beziehungsfremd angesehen", hieß es bei der Vorstellung der Ergebnisse am vergangenen Freitag . Viele praktizierende Katholiken könnten die Ablehnung künstlicher Mittel zur Empfängnisverhütung und homosexueller Partnerschaften sowie den Ausschluss wiederverheiratet Geschiedener von der Kommunion nicht nachvollziehen.

Ähnliches kann man den Ergebnissen aus dem Bistum Augsburg entnehmen. Zwar steht dieser Auswertung auch, dass es den Menschen wichtig ist, den Glauben zu vertiefen und Gottes Gebote nicht aus dem Blick zu verlieren. Allerdings wird von den Gläubigen in dem bayerischen Bistum ebenso das Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen oder wiederverheiratet Geschiedenen kritisiert. Den Umgang mit Letzteren empfinde man "als nicht am Vorbild Jesu orientiert, da dieser niemanden von der Tischgemeinschaft ausgeschlossen hat."

Mehr als Stimmungsbild?

Nichts anderes liest, wer sich durch die Auswertungen der Bistümer Passau und Essen arbeitet. "Die Kirche verkündet einen barmherzigen Gott, warum kann sie nicht barmherzig sein gegenüber Gescheiterten?", so eine Rückmeldung aus Passau. In der NRW-Diözese wiederum stellen die Verantwortlichen fest: "Für viele Katholiken im Ruhrbistum entspricht die kirchliche Lehre nicht der Lebenswirklichkeit."

"Es gibt eine riesige Kluft zwischen der Lehre der Kirche und der Alltagswirklichkeit junger Katholikinnen und Katholiken", sagt der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend Dirk Tänzler. Sein Verband hatte den vatikanischen Fragebogen speziell für Jugendliche aufbereitet und sie zur Teilnahme aufgefordert . Das habe ergeben, "dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die kirchliche Meinung zu Ehe und Familie zwar kennen. Die große Mehrheit sieht diese aber kritisch und befolgt sie deshalb nicht", teilt der BDKJ mit.

Laut BDKJ haben sich an der Umfrage knapp 10.000 Menschen beteiligt. Im Bistum Augsburg gingen nach eigenen Angaben 110 ausgefüllte Fragebögen ein. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart meldet 2.000 Rückmeldungen, die man bald ausgewertet präsentieren will.

Andere Bistümer tun sich schwer, genaue Zahlen zu nennen, da die Ergebnisse sich sowohl aus Einzelmeinungen als auch aus Stellungnahmen von Gremien zusammensetzen. Auch wenn es sich nicht um eine repräsentative Umfrage der Gläubigen handle, entstehe doch ein aussagefähiges Gesamtbild, sagt der Leiter des Dezernates Pastoral im Bistum Essen, Domkapitular Michael Dörnemann.

Noch weiter geht der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, aus dessen Bistum 900 Rückmeldungen die Eindrücke aus anderen Diözesen bestätigen. "Die Ergebnisse der Umfrage erzeugen und verstärken, auch wenn sie nicht repräsentativ sind, den Eindruck einer fatalen Situation. Eigentlich wissen wir schon lange darum. Vieles wurde verdrängt", so Lehmann.

Erste Konsequenzen gefordert

Das bundesweite Gesamtbild geht nun an die Deutsche Bischofskonferenz, die es wiederum an den Vatikan weiterleiten wird. Bis es so weit ist, werden mit Sicherheit noch andere Auswertungen öffentlich. Geht es nach der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) sollte auch die Deutsche Bischofskonferenz die Gesamtergebnisse, die sie nach Rom übermittelt, veröffentlichen. "Ein solches Signal würde nicht nur das Vertrauen stärken, sondern auch zeigen, dass unsere Kirche tatsächlich zu einer neuen Kultur des Dialogs gefunden hat", sagt die kfd-Vorsitzende Maria Theresia Opladen.

Andere fordern bereits Konsequenzen aus dem vatikanischen Fragebogen. Am Montag hatte sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in einer Erklärung für eine Änderung der kirchlichen Sexualmoral ausgesprochen. Am Dienstag hatten 17 Theologieprofessoren mit ähnlichen Aussagen nachgezogen. "Im Licht des Evangeliums ist zu prüfen, ob nicht auch andere Lebensformen vom Verdikt der Sünde entlastet werden können", finden die Professoren.

Knapp zwölf Monate ist es her, dass sich eine sogenannte Sinus-Milieu-Studie der Frage gewidmet hatte: "Wie werden Glaube, Religion und Kirche in der heutigen Zeit verstanden und gelebt?" Das Ergebnis damals: Sowohl Kirche als auch christlicher Glaube spielen bei vielen Menschen in Deutschland eine zunehmend geringere Rolle. Jetzt, zum Jahresende, hat das Feuer dieser Studie neues Brennholz bekommen.

Von Christoph Meurer

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2016