Wo steht der Papst?

Kurz vor Beginn der Weltbischofssynode sind vielerorts die Erwartungen hoch und die Hoffnungen groß - nicht nur in Deutschland. Kardinäle und Bischöfe beziehen Stellung zu kontroversen Themen, vor allem zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Doch: Wo steht eigentlich der Papst?

Familiensynode | Vatikanstadt - 03.10.2014

Kurz vor Beginn der Weltbischofssynode sind vielerorts die Erwartungen hoch und die Hoffnungen groß - nicht nur in Deutschland. Kardinäle und Bischöfe beziehen Stellung zu kontroversen Themen, vor allem zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Doch: Wo steht eigentlich der Papst?

Was sagt er, der diese Erwartungen und Hoffnungen ausgelöst hat, zu den strittigen Themen? Befürwortet Franziskus Änderungen der kirchlichen Praxis? Wie hat er sich bislang etwa zum kirchlichen Umgang mit Homosexualität, gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, künstlicher Empfängnisverhütung oder wiederverheirateten Geschiedenen geäußert?

Die Kirche müsse "eine Barmherzigkeit für alle finden". Äußerungen wie diese haben dazu geführt, dass Franziskus in den Medien überwiegend als ein Papst wahrgenommen wird, der Veränderungen und Reformen will. Nimmt man hingegen den Wortlaut der päpstlichen Aussagen zu konkreten Themen, lässt sich nicht ohne weiteres erklären, warum viele Katholiken mit dem argentinischen Papst die Hoffnung auf Änderungen der kirchlichen Morallehre verbinden.

Auf dem Rückflug vom Weltjugendtag 2013 in Rio (29. Juli) gibt Papst Franziskus im Flugzeug eine Pressekonferenz.
 KNA

"Wer bin ich, über ihn zu richten?"

Das bekannteste Beispiel ist seine Äußerung über Homosexuelle während des Rückflugs vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro: "Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?", hatte er im Juli 2013 gesagt - und für großes Aufsehen gesorgt. Dabei hatte er damit nicht mehr gesagt, als auch schon im "Katechismus der Katholischen Kirche" steht, nämlich dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen. Die eigentlich heikle Frage, wie er zur praktizierten Homosexualität steht - die von der kirchlichen Lehre abgelehnt wird - sprach der Papst hingegen überhaupt nicht an.

Ähnlich verhält es sich mit seiner bekanntesten Äußerung über wiederverheiratete Geschiedene: "Ich glaube, dass dies die Zeit der Barmherzigkeit ist", hatte Franziskus gesagt. Dies wurde als Plädoyer für eine Änderung der kirchlichen Praxis gedeutet. In seinem Lehrschreiben "Evangelii Gaudium" zitiert Franziskus den heiligen Ambrosius von Mailand (339-397) mit den Worten, das Abendmahl sei nicht eine Belohnung für Vollkommene, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. Auch dies wurde oft als Plädoyer für eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion verstanden. Offenbar mit Blick auf diese Interpretation stellte Franziskus jedoch später klar, dass bestimmte Passagen in eine bestimmte Richtung gedeutet worden seien, obwohl er das Problem an den betreffenden Passagen gar nicht aufgegriffen habe.

Auch die päpstlichen Äußerungen zur künstlichen Empfängnisverhütung bieten Interpretationsspielraum. Einerseits würdigt er die Enzyklika "Humanae Vitae", die ein Verbot solcher Methoden enthält, als "prophetisch", und er lobt Paul VI. (1963-1978) dafür, dass er den Mut gehabt habe, die moralische Disziplin gegenüber einer Mehrheit zu verteidigen. Anderseits sagt er in einem Atemzug, dass die Enzyklika dem Beichtvater "viel Barmherzigkeit mit Blick auf die konkrete Situation" empfehle.

Auf die Verkündigung der Botschaft Jesu konzentrieren

Die Reihe der Zitate könnte noch fortgesetzt werden. Konkrete Reformvorschläge finden sich in den päpstlichen Äußerungen nicht - abgesehen von einer Straffung kirchlicher Ehenichtigkeitsverfahren. Das dürfte zum einen damit zusammenhängen, dass Franziskus der Debatte der Bischöfe bei der Synode nicht vorgreifen möchte. Doch es gibt offenbar noch einen tieferen Grund.

Mehrfach hat er deutlich gemacht, dass es ihm nicht darum gehe, Einzelfälle zu erörtern. Er will einen grundlegenden Perspektivwechsel. Die Kirche soll sich nach seinem Willen auf ihre wesentliche Aufgabe konzentrieren, auf die Verkündigung von Jesu Botschaft, sowie Barmherzigkeit üben, statt mit dem moralischen Zeigefinger zu drohen. Ein gewisses Spannungsverhältnis nimmt er dafür in Kauf. So gesehen ist Franziskus, wie der deutsche Kardinal Walter Kasper jüngst in Rom sagte, nicht nur eine Herausforderung für viele Konservative, sondern auch für Progressive, die stets in konkreten Projekten denken.

Von Thomas Jansen (KNA)

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