Zündeln am Pulverfass

Als Antwort auf Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen fliegt Israel Luftangriffe, für eine Bodenoffensive scheint alles vorbereitet: Wieder einmal eskaliert im Nahen Osten die Gewalt. Ein schnelles Ende der Auseinandersetzungen ist nach Ansicht von Experten nicht in Sicht.

Nahost-Konfikt | Bonn - 20.11.2012

Als Antwort auf Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen fliegt Israel Luftangriffe, für eine Bodenoffensive scheint alles vorbereitet: Wieder einmal eskaliert im Nahen Osten die Gewalt. Ein schnelles Ende der Auseinandersetzungen ist nach Ansicht von Experten nicht in Sicht.

Zwar tut das diplomatische Spitzenpersonal der Welt alles, um zur Befriedung beizutragen: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert von Israel und der Hamas eine sofortige Waffenruhe, Außenminister Guido Westerwelle will am Dienstag mit Palästinenserpräsident Machmud Abbas und Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zusammentreffen.

Ob diese eilig in Gang gesetzte Krisendiplomatie für einen schnellen Waffenstillstand sorgen kann, ist laut dem Nahost-Experten Michael Lüders jedoch noch ungewiss: "Die Chancen für einen Waffenstillstand stehen fünfzig zu fünfzig", sagte er gegenüber katholisch.de. Für den Fall, dass die Panzer die Grenze doch überqueren, sieht Lüders "die Gefahr einer weiteren Eskalation zusätzlich zu dem bestehenden Krieg in Syrien, die die ganze Region in Mitleidenschaft zu ziehen droht". Außerdem befürchtet Lüders die Gefahr eines nicht zu kontrollierenden Ansturms auf die Grenzen zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten, falls das Land die Grenzen öffnet.

Bombeneinschlag nur 20 Meter entfernt

Vor dem Hintergrund dieser gefährlichen Situation appelliert auch die Vizepräsidentin der katholischen Friedensbewegung "Pax Christi", Wiltrud Rösch-Metzler, an die Bundesregierung, ihre guten Kontakte zur israelischen Regierung und auch zur palästinensischen Autonomieverwaltung weiterhin zu nutzen. Sowohl von Israelis als auch von den Palästinensern fordert sie die Einhaltung des Völkerrechts und der Menschenrechte. "Dazu gehören aber auch die Aufhebung der Blockade des Gazastreifens und die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Palästinenser."

Wie Rösch-Metzler berichtet, hatte sie am Samstag telefonischen Kontakt mit einem Bekannten, der am Rande von Gaza-Stadt wohnt. Der Mann berichtete ihr von einer Bombe, die nur 20 Meter von seinem Haus entfernt eingeschlagen sei. "Er musste mit seiner Familie in das Flüchtlingslager in Jabalya in der Nähe von Gaza-Stadt flüchten, in dem auch bereits sein Bruder untergekommen ist", erzählt sie. Nach Angaben der Friedensaktivistin gibt es im Palästinensergebiet keine Luftschutzbunker, in die sich die Menschen retten könnten.

Warnung vor humanitärer Katastrophe

Hilfsorganisationen warnen bereits vor einer humanitären Katastrophe im Gaza-Streifen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gebe es ernste Engpässe bei der medizinischen Versorgung. Das Personal könne die Zahl der Verletzten in überfüllten Krankenhäusern nicht mehr bewältigen.

Die katholische Caritas hat ihre Tätigkeit im Gazastreifen weitgehend eingestellt. Eine mobile Klinik sei seit wenigen Tagen außer Betrieb; ein weiteres medizinisches Zentrum in Gaza könne "wegen der Eskalation der Bombardierungen und der lebensbedrohlichen Situation für das ärztliche Personal nicht voll arbeiten", teilte der Dachverband Caritas Internationalis am Montagabend im Vatikan mit. Die Lage sei "derzeit zu gefährlich".

Nach Meinung des Nahost-Experten Michael Lüders können Friedensverhandlungen nur dann gelingen, wenn alle Akteure Klartext reden. Kritik übt er an der Haltung von Angela Merkel. "Wenn beispielsweise die deutsche Bundeskanzlerin erklärt, allein und ausschließlich trüge die Hamas die Verantwortung für die gegenwärtige Eskalation, so hat diese Sichtweise mit der Realität nicht viel zu tun. Die Haltung des französischen Außenministers, Laurent Fabius, scheint mir da differenzierter, da er Israel zwar ein Recht auf Sicherheit zubilligt, aber dies nicht mit militärischer Gewalt erreichbar sei."

Krieg aus innenpolitischen Gründen?

Rösch-Metzler wie auch Lüders sehen den Grund der Eskalation in den bevorstehenden Wahlen in Israel. "Netanjahu möchte sich vor der Abstimmung am 22. Januar 2013 als starker Mann präsentieren und Israels Stärke unter Beweis stellen", meint Lüders. Er ist sogar überzeugt, dass der israelische Premier vor wenigen Monaten auch vor einem Krieg gegen den Iran nicht zurückgeschreckt wäre, hätten die USA nicht massiven Gegendruck aufgebaut.

Auch Rösch-Metzler sieht in den Angriffen eine Art "Ablenkungsmanöver" von innenpolitischen Themen – und appelliert, statt der Politik wieder die Menschen in den Blick zu nehmen (gam/gho/KNA).

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