Zwischen Papst und Partei

Es ist der 7. Juli 2012, Diözese Shanghai, China: Gerade erst war der katholische Priester Thaddeus Ma Daqin zum neuen Weihbischof seines Bistums ernannt worden, da fuhren plötzlich chinesische Polizisten vor der Kathedrale des Heiligen Sankt Ignatius vor und nahmen den 44-Jährigen in Gewahrsam.

China | Bonn - 14.11.2012

Es ist der 7. Juli 2012, Diözese Shanghai, China: Gerade erst war der katholische Priester Thaddeus Ma Daqin zum neuen Weihbischof seines Bistums ernannt worden, da fuhren plötzlich chinesische Polizisten vor der Kathedrale des Heiligen Sankt Ignatius vor und nahmen den 44-Jährigen in Gewahrsam.

Seitdem steht Ma in einem nahegelegenen Priesterseminar unter Hausarrest. Der einzige Kommentar kam per SMS – angeblich von Ma selbst: Er sei erschöpft, brauche eine Pause und habe sich deshalb zurückgezogen. Was war geschehen? Der frisch gebackene Weihbischof hatte es auf eine Machtprobe ankommen lassen und noch am Ende seines Weihegottesdienstes seinen Austritt aus der Katholisch-Patriotischen Vereinigung (KPV) erklärt. Ein Novum in China – und ein Gesetzesbruch. Denn die Mitgliedschaft in der von der kommunistischen Führung anerkannten Staatskirche gilt für jeden chinesischen Katholiken bis heute als Pflicht. Wer nicht mitmacht, muss seinen Glauben heimlich praktizieren – und riskiert Gängelei, Verfolgung und Haft.

Religionsfreiheit als "staatlicher Gnadenakt"

Auf den ersten Blick ein eklatanter Widerspruch zur chinesischen Verfassung. Schließlich heißt es in Artikel 36, dass "kein Staatsorgan, keine gesellschaftliche Organisation und keine Einzelperson Bürger dazu zwingen dürfe, sich zu einer Religion zu bekennen oder nicht zu bekennen." Die Krux liegt in einer unterschiedlichen Definition des Begriffs, weiß Heiner Bielefeldt, Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg und Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats. "Religionsfreiheit als unveräußerliches Menschenrecht gibt es nach Verständnis der Volksrepublik China nicht", so der 54-Jährige. Stattdessen sei die Ausübung eines Glaubens nur in dem Maße möglich, wie sie der Staat gewähre. Religionsfreiheit werde zum "staatlichen Gnadenakt" degradiert.

Trotzdem hat das Interesse am Christentum in China in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen: "Religionen generell erleben einen Boom", weiß Katharina Wenzel-Teuber vom China-Zentrum der Steyler Missionare. "Viele Menschen in China sind auf der Suche nach Sinn und Halt." Gesicherte Zahlen darüber, wie viele Chinesen nach katholischen, wie viele nach christlichen Grundsätzen leben, gibt es allerdings nicht: Wenzel-Teuber schätzt, dass allein 12 bis 13 Millionen Katholiken im Reich der Mitte leben - wenn man alle Gläubigen aus Staatskirche und den halboffiziellen und illegalen Untergrundgemeinden zusammen rechnet.

Die Realität ist nicht schwarzweiß

Auch, wenn offiziell legale Staatskirche und illegale Untergrundgemeinde getrennt werden, sieht die Realität weniger schwarzweiß aus. "Einige Untergrundkirchen können einigermaßen offen operieren", weiß der studierte Theologe und Philosoph Bielefeldt. China ist groß – und je nachdem, in welcher Region sich eine Gemeinde befindet und wer gerade an den Strippen der Macht zieht, wird schon einmal ein Auge zugedrückt. "Echte Religionsfreiheit ist aber etwas völlig anderes als augenzwinkernde Toleranz", so Bielefeldt.

Trotzdem: Verglichen mit der Situation vor 20 Jahren oder während der Kulturrevolution 1966-1976, als noch versucht wurde, jegliches religiöse Leben in China auszuradieren, hat sich die Lage entspannt - solange sich die kommunistische Führung ihrer Macht sicher fühlt. "In China ist die religiöse Repression kontrollpolitisch motiviert, ähnlich wie bei der Verfolgung von Bloggern", sagt Bielefeldt. Die Führung habe nicht mehr das Interesse, ihre Ideologie "bis in die Gehirne der Menschen durchzusetzen. Das Feuer ist längst weg."

Ein Durcheinander von Geistlichen

Allerdings lodert das Feuer noch an einer ganz anderer Stelle: Nicht wenige Christen im Untergrund, die für ihren Glauben oft einen hohen Blutzoll zahlen mussten, halten ihre Glaubensgeschwister in den Staatskirchen für Verräter an der Sache – und die mit dem Segen der Partei eingesetzten Bischöfe für Marionetten aus Peking. Selbst Thaddeus Ma Daqin wollte sich während seiner Weihe nicht die Hand von einem Bischof der Katholisch-Patriotischen Vereinigung auflegen lassen, die von Rom nicht anerkannt wird.

"Die Situation ist vergleichbar mit dem Investiturstreit im Mittelalter", erklärt Bielefeldt. "Wer setzt die Bischöfe ein: der Staat oder die Kirche?" Und so gibt es in China mittlerweile ein wahres Durcheinander von hochrangigen Geistlichen: Bischöfe, die von der KPV ernannt wurden und von Rom nicht anerkannt oder gar exkommuniziert werden. KPV-Bischöfe, die nachträglich ihren Segen aus Rom bekommen, damit beide Seiten das Gesicht wahren können. Bischöfe, die neben ihren offiziellen Pendants im Untergrund geweiht wurden und ihrerseits, quasi auf Vorrat, neue Bischöfe weihen, sollte ihnen etwas zustoßen. Ein Alptraum für die apostolische Nachfolgekette!

Chinesische Christen beten gemeinsam.
Chinesische Christen beten gemeinsam.
 Melters/Missio

Seinen Anfang nahm der bis heute schwelende Streit zwischen Volksrepublik und Vatikan 1949 - mit der Gründung der Katholisch-Patriotischen Vereinigung: Der im Bürgerkrieg siegreiche Mao Zedong hatte sämtliche ausländischen Missionare aus dem Land jagen lassen und die katholische Kirche de facto an die staatliche Leine genommen. Die Macht des Mannes aus Rom über seine Gläubigen war den Kommunisten suspekt – man befürchtete eine ausländische Einmischung in die inneren Angelegenheiten der neu gegründeten Volksrepublik.

Missionare fühlten sich überlegen

Eine Skepsis, die sich durchaus begründen lässt: Seit dem 7. Jahrhundert hatte das Christentum immer wieder versucht, in China Fuß zu fassen – und war Mal für Mal gescheitert. Zwar schafften es die Jesuiten im 17. Jahrhundert zeitweilig, sich das Wohlwollen des Kaisers und der Oberschicht zu erarbeiten, aber dieser Respekt beruhte eher auf deren exzellenten wissenschaftlichen Fähigkeiten, denn auf religiöser Unterwerfung. Sich bekehren zu lassen, kam für einen chinesischen Kaiser, immerhin selbst gottgleich, nicht infrage. Vor allem aber stolperten die europäischen Missionare über ihre eigenen kulturellen Überlegenheitsvorstellungen, mit denen sie gegenüber den Chinesen auftraten. Missionare, die sich auf die chinesische Sprache und Kultur einließen, wie etwa der Jesuit Matteo Ricci oder der Steyler Josef Freinademetz, blieben eine Ausnahme. Und dass die vierte Missionierungswelle auf den Kanonenbooten der kolonialen Eroberer Mitte des 19. Jahrhunderst nach China kam, machte es für die Kommunisten sicher nicht schwerer, die als Invasoren empfundenen Missionare davonzujagen.

Die hingestreckte Hand wird nicht ergriffen

Seitdem wechseln sich zwischen Phasen der Konfrontation mit denen von Bemühungen ab, die angespannte diplomatische Lage zwischen Volksrepublik und Vatikan zu deeskalieren. Als Papst Benedikt XVI. im Juli 2007 einen Brief an die chinesischen Katholiken schrieb, in dem er zur Versöhnung zwischen den Staats- und Untergrundkatholiken aufrief, schien eine Annäherung tatsächlich für einen Augenblick möglich: Doch nicht allen Untergrundchristen gefiel der neue, pragmatischere Kurs gegenüber der Staatskirche – und die Aufhebung ihres Sonderstatus durch den Vatikan. War das die Belohnung dafür, dass sie gerade durch ihre Treue zum Papst tagtäglich ihr Leben riskiert hatten? "Um es einmal zynisch zu formulieren: Der Vatikan kann kein Interesse daran haben, Märtyrerkirchen zu produzieren", erklärt Bielefeldt. Zudem würde ein polarisierender Konfrontationskurs wohl auf ein Schisma hinauslaufen – mit schlimmen Folgen für zig Millionen Katholiken in China.

Bislang wurde die hingestreckte Hand allerdings noch nicht ergriffen: "Seit Ende 2010 sind die sino-vatikanischen Beziehungen und damit auch die Lage der katholischen Kirche in China äußerst angespannt", sorgt sich Wenzel-Teuber. Und Weihbischof Ma Daqin stehe weiterhin unter Hausarrest: "Er darf keine Bischofsinsignien tragen und sein Amt nicht antreten." Anzeichen dafür, dass sich mit einer neuen Führung in Peking eine grundsätzliche Änderung der chinesischen Religionspolitik abzeichnet, sieht die Chefredakteurin der Zeitschrift "China heute" nicht.

Hong Kongs Kardinal John Tong zeigte sich im Interview mit der asiatischen katholischen Nachrichtenseite UCAN (Union of Catholic Asian News) allerdings vorsichtig optimistisch: "Je mehr Freiheiten die chinesische Regierung der Kirche lässt, desto angesehener wird China auf internationaler Ebene werden."

Von Jens Wiesner

Interview

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Katharina Wenzel Täuber vom China-Zentrum der Steyler Missionare.

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