"Einfach da sein und aushalten"

Wie verhalte ich mich bei der Nachbarin, deren Tochter kürzlich starb? Elisabeth Strnad weiß Rat.

Dossier: Friedhof | - 06.01.2015

Wie begrüße ich den Kollegen, der nach dem Tod seiner Frau wieder zur Arbeit kommt? Wie verhalte ich mich bei der Nachbarin, deren Tochter kürzlich starb? Trost und Trösten sind keine leichten Themen. Und es gibt kaum praktische Hinweise für Menschen, die trösten wollen oder Trauernde in ihrem Bekanntenkreis haben, ist Elisabeth Strnad aufgefallen. Die Theologin arbeitet hauptamtlich in der Hospizarbeit. Um Menschen Mut zu machen für die aufrichtige Begegnung mit Trauernden hat sie ein Buch geschrieben.

Elisabeth Strnad ist katholische Theologin und arbeitet hauptamtlich in der Hospizarbeit.
Elisabeth Strnad ist katholische Theologin und arbeitet hauptamtlich in der Hospizarbeit.
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Frage: Frau Strnad, was ist Trost?

Strnad: Trost ist für mich einfach Beistand. Ich begleite jemanden in einer oft sehr schwierigen Situation, in der er Abschied nehmen musste, sei es von einem lieben Menschen oder vielleicht auch von seiner Heimat, von seiner Arbeit. Wenn jemand verstorben ist bedeutet Trost, dem trauernden Menschen beizustehen, zu ihm hinzugehen und die Situation mit ihm auszuhalten.

Frage: Tod und Trauer sind keine einfachen Themen. Vielen Menschen fällt es schwer, mit Trauernden umzugehen. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen oder nicht die richtigen Worte zu finden.

Strnad: Ich glaube, wir sind es einfach nicht geübt, mit Trauernden umzugehen. Trauer, Tod und Sterben kommen im normalen Alltag kaum noch vor. Viele Menschen erleben auch nicht mehr, wie es früher war, dass ein Angehöriger zu Hause stirbt. Meistens geschieht das ja im Krankenhaus oder im Pflegeheim, sodass der Kontakt zu Sterbenden sehr gering ist. Und viele Trauernde scheuen sich auch, ihre Trauer zu zeigen, weil das oft als Mangel angesehen wird. Man muss funktionieren, auch im Betrieb, und da ist es dann schwierig, Trauer zu zeigen. Das ist auch für die Umstehenden schwer, damit umzugehen. Da ist eine große Hilflosigkeit, weil sie nicht wissen, wie sie mit jemandem umgehen können und aus der Angst, etwas Falsches zu tun, tun halt viele gar nichts.

Frage: Um diese Hilflosigkeit zu überwinden, haben sie den Ratgeber "Trauernden begegnen" verfasst und schreiben dort: "Jeder Mensch kann trösten". Wie tröste ich richtig?

Strnad: Ich denke, das wichtigste ist zuerst einmal, mir bewusst zu machen, dass ich selbst ohnmächtig bin und an der Situation nichts ändern kann. Aber das bedeutet auch, dass ich deshalb auch nicht tolle Worte oder tolle Taten oder irgendwas Besonderes finden muss. Wichtig ist, den Mut zu haben, auf den trauernden Menschen zuzugehen. Ihn anzusprechen und zum Beispiel zu sagen: "Ich hab gehört, dass dein Vater verstorben ist, das tut mir leid. Wie geht es dir?" oder "Darf ich mich zu dir setzen?" oder "Sollen wir mal eine Tasse Tee miteinander trinken?". Es ist dieses einfache Zugehen, ohne dass ich selber weiß, was ich jetzt sagen oder wie ich helfen kann. Das ist oft das schwierige.

Es hilft Trauernden oft ganz viel, wenn mal jemand anruft und ein kleines Angebot macht, wie zum Beispiel einen Spaziergang.

Elisabeth Strnad

Frage: Dann braucht der Trost keine großen Worte?

Strnad: Viele denken, sie müssten etwas besonderes sagen, man will ja auch gerne dem anderen helfen. Doch dann kommen ganz leicht diese Sprüche wie "Ach, das wird schon wieder" oder "Warten wir mal ab" oder "Er hat auch nicht mehr so lange leiden müssen, sei froh." Solche Dinge helfen einem Trauernden aber gar nicht.

Frage: Was ist stattdessen wichtig? Wie sieht ein hilfreiches Zugehen aus?

Strnad: Ich erlebe immer wieder, dass sich Trauernde sehr zurückziehen und ganz für sich leben. Und da hilft es oft ganz viel, dass mal jemand anruft und ein kleines Angebot macht, wie zum Beispiel einen Spaziergang, einen gemeinsamen Friedhofsbesuch. Für Trauernde ist es oft schwierig, von sich aus so einen Wunsch zu formulieren. Da ist es sehr gut, wenn das Angebot von außen kommt. Es kommt immer darauf an, dass es zu einem passt. Wenn man zum Beispiel eine Trauerkarte schreiben möchte, aber die Formulierungen schwer fallen, dann kann man auch einfach eine vorgefertigte Trauerkarte nehmen und "Mit lieben Grüßen" oder in der Art schreiben. Oder man geht einfach hin und klingelt und versucht einen Kontakt herzustellen. Das wichtige ist nicht, was man da tut, sondern dass man überhaupt etwas tut und ein Zeichen gibt.

Frage: Oft haben Menschen Angst, dass sie mit ihren Fragen alte Wunden aufreißen oder etwas aufwühlen. Sollte man die Trauer von sich aus thematisieren?

Strnad: Das kann man dem Betroffenen überlassen. Wenn man einfach vorbeikommt und sich dazu setzt, ergeben sich solche Gespräche oft ganz von alleine, ohne dass man da irgendetwas sagen muss. Früher war es so, dass man beim Leichenschmaus viel über den Verstorbenen erzählte. Ich erlebe auch heute, dass das sehr hilfreich sein kann. Die Wunde bleibt ja, die ist da. Wenn dann aber auch andere Geschichten kommen, wie der Verstorbene gelebt hat, besondere Anekdoten, dann tut das manchmal gut. Der Betroffene merkt, dass die anderen auch noch an den Verstorbenen denken und er nicht alleine ist mit seiner Erinnerung. Es hilft Trauernden oft ganz viel, wenn mal jemand anruft und ein kleines Angebot macht, wie zum Beispiel einen Spaziergang.

Zur Person

Elisabeth Strnad ist katholische Theologin und arbeitet hauptamtlich in der Hospizarbeit.

Frage: Welche Rolle spielt der christliche Glaube für das Trösten?

Strnad: Das sind mehrere Aspekte. Das eine ist die Frage, woraus ich selber schöpfe und was mir selber Halt verleiht. Das strahle ich ja einfach aus. In der Hospizarbeit halte ich es für wichtig, so einen christlichen Hintergrund zu haben und auch eine eigene Hoffnung zu haben. Die andere Frage ist, ob ich nun wortwörtlich mit jemandem über Tod und Auferstehung spreche - das geht aber nur, wenn er es will. Wenn ich weiß, der Mensch ist auch christlich, dann kann ich von mir selber sprechen, wie ich das empfinde. Aber man sollte nicht zu schnell ein "frommes Mäntelchen" über alles legen, da muss man sehr vorsichtig sein. Viel wichtiger ist die Haltung, die man selber ausstrahlt und dass man dem Menschen zeigt: "Du bist mir wichtig, ich laufe nicht vor dieser Situation davon." Wenn dann der Andere fragt, woher meine Kraft dazu kommt, kann ich ja erzählen, warum ich das tue. Aber es ist ganz wichtig, das Gespür zu haben, was der andere jetzt in dieser Situation braucht, denn es geht nicht um mich, sondern um den anderen, den ich begleite.

Frage: Wie lange dauert die Zeit der Trauer?

Strnad: Schnell zur Tagesordnung übergehen, ist eine große Gefahr. In der Umgebung geht das in der Regel schon nach zwei, drei Wochen los und die Zeit der Trauer scheint vorbei zu sein. Viele verlangen, dass Trauernde dann so funktionieren wie zuvor. Doch das geht nicht, es braucht schon lange Zeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Gerade nach der Beerdigung beginnt die innere Auseinandersetzung meist erst richtig. Und da ist es dann wichtig, dass Menschen signalisieren: "Ich höre dir zu, und auch wenn du immer wieder erzählen musst, ich halte es mit dir aus." Das kann auch sehr lange gehen und manchmal bricht das auch nach Jahren nochmal auf.

Frage: Sie machen Mut zum Trösten, Mut zum aufrichtigen Umgang miteinander. Was ist die passende Grundhaltung für die Begegnung mit Trauernden?

Strnad: Ich glaube, das wichtige ist die Begegnung auf Augenhöhe. Also, dass derjenige, der dem Trauernden begegnet, weiß, dass er auch hilflos ist mit dieser Situation. "Ich stehe dir bei, aber ich weiß es auch nicht besser, was jetzt zu tun ist und ich gebe dir nicht gute Ratschläge, sondern wir machen uns einfach gemeinsam auf den Weg." Das zeigt dem Trauernden, dass sein Gegenüber auch fähig ist, mit seiner Trauer umzugehen und er selbst nicht zum Trauerhilfeempfänger wird. Das finde ich ganz wichtig.

Buch zum Thema

Elisabeth und Rainer Strnad: Trauernden begegnen, Kreuz Verlag, 198 Seiten, 14,95 Euro.

Von Kirsten Westhuis

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