Raum geben für den Abschied

Bestatterin Borgmann über alte Traditionen und neue Formen der Bestattungskultur.

Dossier: Friedhof | - 06.01.2015

Die Tage nach dem Tod eines Menschen sind für die trauernden Angehörigen gefüllt mit Aufgaben, die erledigt werden müssen. Einerseits lenkt das ab, andererseits bleibt oft zu wenig Raum für den Abschied. Genau hier setzt Regina Borgmann an. Mit ihrer Geschäftspartnerin leitet sie das Bestattungshaus InMemoriam in Aachen. Die beiden Quereinsteigerinnen, die ursprünglich aus sozialen Berufen kommen, besinnen sich auf alte Traditionen und verbinden sie mit individuellen neuen Formen der Bestattungskultur.

Frage: Frau Borgmann, Experten sprechen von neuen Tendenzen bei Trauerfeiern und Bestattungen. Wie erleben Sie das in Ihrem Berufsalltag?

Borgmann: Früher gab es eine genaue Vorstellung davon, wie eine Beerdigung abzulaufen hat. Heute ist dafür mehr Individualität möglich. Menschen sind informierter und viele gestalten die letzte Lebensphase sehr bewusst. So kam vor einiger Zeit eine elegante ältere Dame mit ihrem Enkel zu uns, um ihre eigene Bestattung zu planen. Sie hatte ganz konkrete Vorstellungen, die wir später, als sie verstorben war, auch so umgesetzt haben. Die meisten Menschen suchen einen spirituellen Rahmen, der ganz unterschiedlich ausgestaltet werden kann. Ein christliches Begräbnis wünscht sich etwa die Hälfte unserer Kundinnen und Kunden.

Frage: Zusammen mit Ihrer Kollegin leiten Sie ein eigenes Bestattungsunternehmen in Aachen. Was machen Sie anders als andere?

Borgmann: Es fängt damit an, dass wir zwei Frauen sind, das ist im Bestattungsgewerbe eine Seltenheit. Bei uns ist alles hell und freundlich, denn wir möchten Angehörigen einen einladenden und schützenden Rahmen für ihren Abschied geben. Wenn sie möchten, können sie die Verstorbenen mit uns betten, pflegen und einkleiden oder am offenen Sarg Abschied nehmen. Zugleich sind wir auch ein Begegnungshaus: Bei uns gibt es Vorträge, Liederabende, Malkurse und Gesprächskreise. Alles befasst sich im weitesten Sinne mit Abschied, Bestattung, Trost und Trauer. Unser Ziel ist es, Schwellenängste zu verringern.

Frage: Wie nehmen Angehörige das Angebot an, die letzten Dienste am Verstorbenen selbst zu leisten?

Borgmann: Manchmal beteiligen sich Angehörige beim Waschen und Kleiden des Verstorbenen und das ist gut so. Die Phase zwischen dem Eintritt des Todes und dem Begräbnis ist sehr kostbar, um sich mit der Tatsache vertraut zu machen, dass man jemanden verloren hat. Ich halte es für elementar wichtig, bei dem Verstorbenen zu verweilen und sich den Tod bewusst zu machen. Fast immer ist der Gesichtsausdruck eines Verstorbenen friedlich und gelöst. Das zu sehen und sich persönlich verabschieden zu können ist einfach tröstlich. Auch die kreative Auseinandersetzung mit dem Tod kann ein guter Schritt auf dem Trauerweg sein.

Zur Person

Regina Borgmann ist Bestatterin und Pädagogin mit Zusatzausbildungen in Trauerbegleitung und gestalttherapeutischer Arbeit mit Kindern.

Frage: Wie kann diese konkret aussehen?

Borgmann: Ich erinnere mich an die Beerdigung eines 12-jährigen Mädchens, das an einem Hirntumor gestorben ist. Ihr Sarg wurde mit Gänseblümchen in einer wunderschönen Flusslandschaft bemalt. Zur offenen Aufbahrung kamen etwa 70 Menschen: Schulfreundinnen, Verwandte, Mitpatienten, und auch der Pfarrer. Alle hatten die Möglichkeit, einen letzten Wunsch aufzuschreiben. Die Papierröllchen wurden mit einer Kordel am bemalten Sarg befestigt. Im späteren Trauergottesdienst hielt der Vater eine sehr bewegende Rede. Insgesamt waren 18 Messdiener dabei, die das Mädchen kannten und ihr eine letzte Ehre erweisen wollten. Wenn man Menschen teilhaben lässt, bringen sie sich gerne ein und verlieren so manche Ängste.

Frage: Hilft die Berührung mit dem Tod auch dabei, mit der Angst vor dem eigenen Sterben umzugehen?

Borgmann: Ja, wenn die Menschen sich aktiv damit beschäftigen. In uns allen sitzt eine tiefe Urangst vor dem Unbekannten des Todes. Aber wer sich darauf einlässt und sich bewusst vorbereitet ist oftmals erleichtert. Vor allem Jüngere haben Angst vor dem Sterben. Ältere Menschen sehen dem Tod gelassener entgegen. Sie scheinen Vertrauen zu haben, dass es gut gehen wird. Vielleicht sind sie auch verwurzelter in ihrem Glauben und finden darin Kraft und Zuversicht. Mein besonderes Anliegen, auch als ehemalige Pädagogin, ist Kindern einen Zugang zu den Themen Abschied und Trauer zu ermöglichen. Sie werden oft außen vor gelassen, um sie vermeintlich zu schonen.

Frage: Wie können Eltern ihren Kindern das Thema nahe bringen?

Borgmann: Wenn Großeltern sterben, ist das der natürliche Verlauf des Lebens und eine große Chance für die Kinder, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Das kann auf spielerische Weise passieren. Ich erinnere mich an die Enkel eines älteren Herrn aus der Eifel, der immer gerne gesegelt war. Zu seiner Beerdigung haben die Kinder einen Kranz aus weißen und roten Blüten stecken lassen - einen symbolischen Rettungsring. Jedes durfte dann ein Spielzeug-Schiffchen mit dem eigenen Namen beschriften. Nach der Beerdigung haben die Kinder den Kranz im Gedenken an den Großvater zu Wasser gelassen.

Frage: Können Kinder auch bei einer offenen Aufbahrung dabei sein?

Borgmann: Ja, das habe ich schon als sehr positiv erlebt. Je kleiner die Kinder, desto weniger angstbesetzt ist die Begegnung mit dem Tod. Ich erinnere mich an ein dreijähriges Mädchen, deren verstorbene Uroma bei uns aufgebahrt wurde. Kinder in dem Alter haben noch keine wirkliche Idee vom Tod. Sie glauben, der Verstorbene kommt wieder zurück. Die Kleine durfte ein Bild malen und es zusammen mit der Mutter zum Sarg bringen. Man sah richtig, wie das Mädchen plötzlich stockte und die Szene mit allen Sinnen wahrnahm. Das Kind durfte die Oma vorsichtig berühren und die Mutter erklärte, dass sie nun tot und im Himmel sei. Dieses Kind hatte die Möglichkeit, atmosphärisch zu erleben, was es bedeutet, tot zu sein. Eine sehr wichtige Erfahrung.

Von Janina Mogendorf

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