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Pause vom Alltag

Einfach leben: Wie lässt sich dieses Konzept umsetzen? Wo ist weniger angebracht? Worauf kommt es beim Maßhalten an? Über diese und andere Fragen sprach katholisch.de mit Rudolf Walter. Der langjährige Cheflektor des Herder Verlags ist Herausgeber des "einfach-leben-Briefs" von Pater Anselm Grün aus Münsterschwarzach und der Themenhefte "einfach leben".

Dossier: Einfach leben | - 06.01.2015

Einfach leben: Wie lässt sich dieses Konzept umsetzen? Wo ist weniger angebracht? Worauf kommt es beim Maßhalten an? Über diese und andere Fragen sprach katholisch.de mit Rudolf Walter. Der langjährige Cheflektor des Herder Verlags ist Herausgeber des "einfach-leben-Briefs" von Pater Anselm Grün aus Münsterschwarzach und der Themenhefte "einfach leben".

Frage: Herr Walter, immer mehr Menschen probieren in Selbstversuchen aus, wie es sich anfühlt, sein Hab und Gut gründlich auszumisten und sich mit einem Bruchteil dessen zu begnügen, was sie vorher besaßen. Was steckt dahinter?

Walter: Es gibt Leute, die das ganz bewusst und konsequent machen: die ihr Auto verkaufen und nur noch mit Fahrrad und Bus fahren oder ein Jahr ohne Email und Handy leben und zum Beispiel ein Buch darüber schreiben oder ganz bewusst „minimalistisch“ leben und dann darüber bloggen. Nicht alle sind so. Aber dass wir in einer Überflussgesellschaft, in einer „Zuvielisation“ leben, das unbehagliche Gefühl haben viele. Wir wissen doch alle längst nicht mehr, wie viele Dinge uns gehören. Früher war von den „Siebensachen“ die Rede. Der Durchschnittseuropäer heute soll 10.000 Dinge besitzen. Und die Wirtschaft lebt immer noch von denen, die meinen, sie hätten beim Glücks-Shopping nur den richtigen Laden noch nicht entdeckt, und sich dabei immer weiter zumüllen. Gute und einfache Dinge hingegen tun der Seele gut, sie machen das Leben klarer. Man sieht dann eher, was wirklich wichtig ist.

Frage: Beim Schlagwort „einfach leben“ denken manche an Kargheit und Genussfeindlichkeit. Schließen sich Einfachheit und Luxus gegenseitig aus?

Walter: Es gibt einen schönen Satz des Schweizer Schriftstellers Robert Walser: "Weshalb Forellen in Rapperswil essen, wenn wir im Appenzellerland Speck haben können?" Gerade beim Essen merkt man: Es muss nicht das Sternemenü mit eingeflogenen exotischen Raritäten auf übersichtlichen Tellern zu Luxuspreisen sein. Natürlich auch nicht die Billigware industrieller Nahrungsmittel zu Discounterqualität. Das Einfache ist gerade das Luxuriöse, gerade weil es nicht mehr selbstverständlich im Angebot ist: Das gut gemachte Bauernbrot, die frische Butter. Die Tomate aus dem eigenen Garten.

Und was ist denn heute wirklicher Luxus in einer Gesellschaft, die alles hat und zum Kauf anbietet? Pausenlos schuften und Leistung bringen, damit man sich dann auch alles leiten kann? Es gab dazu kürzlich eine Umfrage unter Prominenten. Am meisten genannt wurde: Zeit. Zeit für mich, Zeit für die Menschen, die ich mag. Ganz im Hier und Jetzt sein. Ich muss auch nicht nach Bali fliegen oder in Australien tracken, wenn ich hier im Schwarzwald wunderbar wandern kann.

Rudolf Walter, langjähriger Cheflektor des Herder Verlags.
 Herder Verlag

Frage: Immer mehr Menschen spüren den Wunsch nach Rückzug und Stille, nach mehr Einfachheit auch in der Zeitgestaltung. Tut es gut, sich öfter mal zurückzuziehen, um zu sich selbst zu finden?

Walter: Heraus aus der Mühle, um einen anderen Blick zu kriegen – unbedingt! Nicht nur für die neue Perspektive ist das gut, es ist sogar fürs körperliche und seelische Wohlbefinden unerlässlich. Nicht umsonst haben heute immer mehr Menschen den Drang, einfach nur mal "weg" zu sein. Die einen begeben sich zu Fuß auf Pilgerschaft . Andere träumen von einer einsamen Insel. Wieder andere ziehen sich für ein paar Wochen in ein Kloster zurück. Entscheidend ist aber: Wie komme ich zu mir? Die immerzu kommunizierende, chattende, telefonierende, mailende und twitternde Facebook-Generation lenkt sich möglicherweise permanent nur ab.

Natürlich leben wir von Anerkennung, Vertrauen, Zuwendung, Wertschätzung und dem Gefühl der Bestätigung durch andere. Wir brauchen die anderen, damit wir zu uns kommen. Wir brauchen aber auch die Fähigkeit zur Begegnung mit uns selber, um herauszufinden, was wirklich wichtig ist für uns, wo wir stehen und wo wir hinwollen.

Frage: Für manche bedeuten Auszeiten bloß weiteren Stress. Manche pilgern oder gehen ins Kloster, weil es gerade in ist. Wie könnten solche Zeiten der Muße für jeden stimmig gestaltet werden?

Walter: Erst einmal ist es wichtig, überhaupt Pausen zu machen, zu unterbrechen und nicht nur "durchzupowern". Pausen machen die Musik des Lebens. Nicht erst die großen Pausen: das Sabbatical oder die Auszeit oder der Urlaub, sondern auch der Feierabend, das Wochenende, der Sonntag. Der Alltag ist die Nagelprobe. Und da kommt es eben auf die gute Balance an. Die einen finden nicht Erfüllung in der Musik, in der Stille, in der Meditation. Andere in der Natur, wieder andere im Zusammensein mit Freunden, beim Lesen, Kochen oder im handwerklichen Gestalten. Wichtig ist, die Anforderungen von außen loszulassen, von Fixierung auf sich selbst wegzukommen und dennoch bei sich zu sein - nicht fremdbestimmt und fremdgesteuert. Bewegung tut zum Beispiel gut – aber nicht Jogging bis zur Leistungsgrenze, sondern schon der ausgedehnte Spaziergang. Der Mensch ist kein Rennpferd und das Leben keine Formel-Eins-Strecke.

Frage: Weniger ist mehr – ein Schlagwort unserer Zeit. Was steckt dahinter?

Walter: Das ist kein neues Schlagwort, sondern eine allgemeine Erfahrung: Qualität geht vor Quantität. "All you can eat" – das ist kein Ausweis für eine gute Küche. Und wer ist nicht schon von gedanklich überfrachteten Reden so erschlagen worden, dass ihm hinterher nur der Kopf schwirrte? Papst Franziskus, so hört man, hat in seinen Predigten immer nur drei Punkte. Das kann man sich merken, da nimmt man etwas mit. Er weiß, was er will und sagt es. Je größer die innere Sicherheit ist, desto klarer wird auch, was ich tue oder sage. Je mehr ich im Einklang mit mir und anderen lebe, desto leichter kann ich Abschied nehmen von allem, was zuviel ist in meinem Leben. Einfachheit ist allerdings nicht immer leicht. Sie ist auch Ergebnis von Mühe und Übung.

Frage: Einfach leben bedeutet auch Maß halten. In welchen Lebensbereichen ist ein ausgewogeneres Maß dringend erforderlich?

Walter: Eigentlich überall da, wo man spürt, dass etwas aus dem Lot geraten ist. Nicht nur im Umgang oder im Verbrauch der Natur oder in der Wirtschaft. Auch bei mir selbst. Schon wer zu viel Sachertorte gierig in sich hineinschlingt, wird es am verdorbenen Magen merken. Und der Brummschädel ist die natürliche Folge einer durchzechten Nacht. Im Grund wissen wir selber, was uns gut tut und wo wir Grenzen überziehen. Es kommt immer auf die Dosis an. Das Zuviel ist das Gift. Natürlich brauchen wir Anstrengung, Leistung, hochgesteckte Ziele. Aber wer kennt nicht das vergiftete Klima in Firmen, wo immer mehr aus den Mitarbeitern herausgepresst wird und der Chef mit keinem Umsatzplus zufrieden ist. Wer in seinen Ansprüchen und Erwartungen an Mitmenschen oder an sich selber keine Grenze kennt, der handelt schädigend.

Der ungezügelte Drang nach immer mehr, immer schneller, immer perfekter, der unsere Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt, wuchert allerdings auch in den Seelen. Meist unbewusst und damit für Verführungen offen. Wer sein eigenes Ego zum Maß aller Dinge macht, sich nicht in Beziehung setzt zu der Welt um sich herum, der ist maßlos, das heißt destruktiv. Bewusst einfach zu leben, ist da ein heilsames Gegenmittel. Maßhalten meint übrigens auch nicht Konformismus, Langeweile und schon gar nicht Geiz. Allerdings sollte man auch beim Maßhalten nicht fanatisch sein. Sonst gäbe es keine Kunst und schon gar kein Barock. Und keine Ekstase, keinen Überschwang und nichts, worüber man sich auch mal maßlos freuen kann.

Von Margret Nußbaum

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