Fruchtbares Trauma

Am 31. Oktober feiern die evangelischen Christen den Reformationstag, für die katholische Kirche ist dies ein schwieriger Termin. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige spricht über den Tag, das Miteinander und seine Wünsche für die Einheit der Christen.

Dossier: Ökumene | Bonn - 30.10.2012

Am 31. Oktober feiern die evangelischen Christen den Reformationstag. Für die katholische Kirche ist dies ein schwieriger Tag, erinnert er doch an die von Martin Luther im Jahr 1517 initiierte Reformation. Im Interview mit katholisch.de spricht der Magdeburger Bischof Gerhard Feige über den Reformationstag, das Miteinander von Katholiken und Protestanten sowie seine Wünsche für die Einheit der Christen.

Frage: Herr Bischof, am 31. Oktober feiert die evangelische Kirche alljährlich den Reformationstag. Was bedeutet der Tag für die katholische Kirche?

Feige: Auf jeden Fall stellt er eine Herausforderung dar. Einerseits verbindet sich mit dem Tag nach wie vor das Trauma der abendländischen Kirchenspaltung, andererseits inzwischen aber auch das Bemühen, ihn vielleicht sogar ökumenisch fruchtbar machen zu können.

Frage: Die Reformation ging im 16. Jahrhundert aus einer Krise hervor. Viele Gläubige waren mit der Kirche unzufrieden und Martin Luther brachte die vielfältige Kritik auf einen Punkt. Könnte auch die derzeitige Glaubenskrise in einer Reformation enden?

Feige: Ich hoffe nicht, wenn das neue Spaltungen bedeuten würde. Zudem ging es Luther damals ursprünglich nicht in erster Linie um kirchliche Missstände, sondern um eine zutiefst existentielle und fromme Erkenntnis, nämlich dass - wie Kardinal Willebrands es einmal umschrieben hat - "Gott stets Herr bleiben muss und dass unsere wichtigste menschliche Antwort absolutes Vertrauen und die Anbetung Gottes zu bleiben hat". Die derzeitige Glaubenskrise birgt eher die Gefahr, sich von Gott zu verabschieden, als einen Anlass, die Kirche gründlich zu erneuern. Unser wichtigstes Anliegen müsste es darum sein, sich um eine Verlebendigung des Glaubens zu mühen, persönlich und gemeinschaftlich. Freilich gehören dazu notwendig auch manche Veränderungen kirchlicher Praxis.

Frage: Wenn Sie die Gelegenheit hätten, Martin Luther zu treffen. Was würden Sie ihm heute sagen?

Feige: Ich würde ihn fragen, ob er sich vorstellen könne, heutzutage einen ökumenischen Gottesdienst mitzufeiern, bei dem ein katholischer Bischof predigt.

Erfreulicherweise gibt es schon seit langem viele Beispiele ökumenischer Gesinnung und Partnerschaft.

Bischof Gerhard Feige

Frage: Das Bistum Magdeburg liegt in einer Region, in der der Reformationstag ein gesetzlicher Feiertag ist. Was machen Sie persönlich an diesem Tag?

Feige: Unabhängig vom Feiertag werde ich an diesem Tag nach Italien fliegen, um an einem internationalen orthodox-katholischen Arbeitskreis teilzunehmen. Sonst bin ich aber auch schon manchmal der Einladung zu einem ökumenischen Podiumsgespräch oder ähnlichem gefolgt. Von einigen Orten in meinem Bistum weiß ich, dass dort am 31. Oktober sogar ökumenische Gottesdienste stattfinden.

Frage: In Sachsen-Anhalt, das mit dem Bistum Magdeburg nahezu identisch ist, liegt der Anteil der Katholiken bei nur rund 3,5 Prozent. Der Anteil der Protestanten ist viermal so hoch. Was bedeutet das für das Miteinander der katholischen und evangelischen Christen vor Ort?

Feige: Erfreulicherweise gibt es schon seit langem viele Beispiele ökumenischer Gesinnung und Partnerschaft. War es bis 1989 verstärkt der marxistisch-leninistische Druck, der uns Christen zusammenrücken ließ, drängt oder beflügelt uns heute die extreme Entkirchlichung in unserer Region zu größerer Nähe. Über 80 Prozent der Bevölkerung gehören ja keiner Kirche mehr an und erscheinen weithin auch sonst als ziemlich religionsresistent. Da kommt dem Umgang der Kirchen miteinander und ihrem gemeinsamen Auftreten eine besondere Bedeutung für ihre Glaubwürdigkeit zu. Ich selbst lege neben meinen Kontakten zu den evangelischen Kirchenleitungen in unserem Gebiet auch bei meinen Visitationen vor Ort Wert darauf, mit evangelischen Verantwortlichen und anderen Gläubigen ins Gespräch zu kommen.

Zur Person

Gerhard Feige wurde 1978 zum Priester geweiht und ist seit 2005 Bischof von Magdeburg. Zuvor war er unter anderem Dozent für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Ökumenische Theologie in Erfurt und seit 1999 Weihbischof in Magdeburg. Seit September 2012 ist Gerhard Feige neben seiner Tätigkeit als Diözesanbischof auch als Nachfolger von Gerhard Ludwig Müller Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Wenn man die Zahl derjenigen sieht, die gar keiner Kirche mehr angehören: Warum können die katholische und evangelische Kirche nicht einfach fusionieren?

Feige: Weil damit die meisten Probleme nicht gelöst wären und neue noch hinzukämen. Wir alle sind geschichtliche Wesen, in vielem geprägt und ziemlich festgelegt, aber auch für Neues offen. Da gilt es anzusetzen und verantwortbare Möglichkeiten zu suchen, die uns weiterführen. Ohne wirkliche Veränderungsbereitschaft, einen langen Atem und großes Gottvertrauen ist eine größere Gemeinschaft oder Einheit nicht zu haben.

Frage: Was wünschen Sie sich fast 500 Jahre nach der Reformation für die Einheit der Christen?

Feige: Ich wünsche mir, dass sich alle Kirchen und christlichen Gemeinschaften noch mehr mit Herz und Verstand für die Einheit einsetzen und dass es uns zunehmend gelingt, unseren Glauben überzeugender zu leben und gemeinsamer zu verkünden.

Von Janina Mogendorf

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