Als Christen den Kompromiss verteidigen

Andreas Püttmann über eine schwierige Regierungsbildung

Standpunkt | Bonn - 28.11.2017

In einem Aufsatz zur deutschen politischen Kultur: "Die Versuchung des Absoluten" (1984) diagnostizierte der Historiker Hagen Schulze eine "Verachtung der Politik, des grauen, alltäglichen Interessenausgleichs, Angst vor der pragmatischen Verschmutzung von Idealen, Abscheu vor der kühlen Vernunft, die den heißen Drang des Herzens zu korrumpieren droht, die Prämierung von Prinzipienfestigkeit, Grundsatztreue und rücksichtsloser Konsequenz gegenüber dem Ausgleich, dem Kompromiss, der stets und von vornherein als 'faul' gedacht wird und in die Nähe von 'Kuhhandel', wenn nicht 'Verrat' rückt: dieses Syndrom hat bei uns Geschichte."

Dass es nicht nur Geschichte hat, zeigen die aktuellen Probleme der Koalitionsfindung: Nur zwei von sechs Fraktionen sind bisher bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen, die ideologischen Randparteien gar nicht regierungsfähig, und die Parteien Willy Brandts und Hans-Dietrich Genschers konkurrieren würdelos um einen Platz in der Opposition. Nach dem Motto: "Von Populisten lernen heißt siegen lernen" wird es parteipolitisch Mode, lieber Regierende anzuprangern und als Volkstribun (zumindest fürs eigene Klientel) zu posieren, als den Karren zu ziehen und eine Abstrafung durch missmutige Wähler zu riskieren.

In der Demokratie bekommt das Volk meist Politiker, die es verdient: Laut einer INSA-Umfrage für den "Focus" ist es den Deutschen heute wichtiger, dass eine Partei zu ihren Prinzipien steht und notfalls in die Opposition geht (47 Prozent), als dass sie mitregiert, auch wenn sie dafür Kompromisse eingehen muss (37 Prozent). Werden wir in kommunikativen "Echoräumen" und "Filterblasen" unnachgiebige Gesinnungsegozentriker und narzisstische Trotzköpfe? Ist Christian Lindner der Prototyp des neuen deutschen Ohne-Michel? Besser Wiederwahlgarantie als durch Abstriche am eigenen Ideal die Gloriole des jungen siegreichen Helden zu verlieren?

Allein die Wähler der Union, die den höchsten Christenanteil hat, ziehen laut INSA den Kompromiss prinzipienstolzer Opposition vor. Im Bewusstsein einer Verantwortung vor Gott, eigener "erbsündiger" Fehler- und Irrtumsanfälligkeit, gestärkt durch christliche Hoffnung und das Vertrauen, dass alles menschliche Stückwerk und Scheitern aufgehoben ist in der Güte Gottes, kann Politik Raum und Verträglichkeit gewinnen. "Der Gläubige mag in demokratischen Verfahren siegen, als siege er nicht, und verlieren, als verlöre er nicht. Er bringt die Grundgelassenheit in das staatliche Leben ein, auf die das moderierte und limitierte Verfassungssystem angewiesen ist", stellte der katholische Staatsrechter Josef Isensee fest.

Zwar gibt es fanatisierte Christen, denen das gesunde Quäntchen "Entweltlichung" habituell abgeht. Was sie politisch anrichten, lässt sich in Warschau und Washington besichtigen. Doch die christliche Mehrheit in Deutschland verteidigt "Wert und Würde des Kompromisses" (Max Müller). Der kirchliche Anspruch, nicht Politik zu machen, aber "Politik möglich zu machen", erscheint heute plausibler denn je.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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