Standpunkt

Asoziale Netzwerke

Dominik Blum über Kommunikation und Barmherzigkeit

Bonn - 22.01.2016

Der Innenminister sagt es und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Zivilisationsschranken würden eingerissen im Internet, Sprache und Sitten verrohen, bedauert Thomas de Maizière. Im Interview mit dem Handelsblatt beklagt Kardinal Marx, Menschen würden im Netz niedergemacht und herabgesetzt. Auch in meiner niedersächsischen Kleinstadt hat niemand dafür Verständnis, wenn eine selbsternannte "Bürgerwehr" auf Facebook dazu aufruft, deutsche Frauen mit Hunden und Pfefferspray gegen Asylanten zu verteidigen. Hallo! Geht's noch? Die sozialen Netzwerke werden im Moment immer asozialer.

Pubertierende Mädchen liegen nachts heulend im Bett, weil sie wegen ihrer aktuellen Frisur in eigens dafür gegründeten WhatsApp-Gruppen verarscht worden sind. Politiker werden für ihre Überzeugungen übelst beschimpft, "Hochverräter" ist da noch eine der harmloseren Diffamierungen. Besonders beliebt ist es in katholischen Kommentaren, einander Glaubenstreue, Aufrichtigkeit oder gleich das Seelenheil abzusprechen. Von volksverhetzenden Gewaltaufrufen gegen Flüchtlinge ganz zu schweigen. Wer bitte benimmt sich mit Klarnamen und "face-to-face" so im Gespräch mit Freunden oder in seiner Stammkneipe?

Am Sonntag erscheint die Botschaft von Papst Franziskus zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Das Thema ist schon bekannt: Kommunikation und Barmherzigkeit – eine fruchtbare Begegnung. Franziskus ist ein Medienprofi. Er twittert, trifft den Google-Chef Eric Schmidt zum vertraulichen Gespräch und gibt unkonventionelle Zeitungsinterviews. Deshalb hat er die Kompetenz und das Recht, diese Medien auch zu kritisieren. Ich wünsche mir, dass der Papst neu erklären kann, wie Barmherzigkeit und soziale Netzwerke zusammenpassen. Schon in seiner Botschaft 2015 schreibt er: "Wer kommuniziert, eine Verbindung aufnimmt, macht sich zum Nächsten. (…) Es geht nicht darum, den anderen als meinesgleichen anzuerkennen, sondern um meine Fähigkeit, mich dem anderen gleich zu machen. Kommunizieren bedeutet also, sich bewusst machen, dass wir Mitmenschen sind, Kinder Gottes." Während ich das schreibe, schaut mir meine Tochter (17) lange über die Schulter. "Es gibt auch Zuspruch, Trost und Solidarität auf Instagram. Sogar konkrete Hilfe. Papa, vergiss das nicht." Ob sie auf Facebook mit Franziskus befreundet ist?

Der Autor

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Dominik Blum

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