Auf Abstand gehen?

Hans-Joachim Höhn über die Flüchtlingskrise

Standpunkt | Bonn - 18.09.2015

Täglich versuchen zahllose Touristen vor dem Kölner Dom mit ihren Kameras ein Foto zu machen, das beides zeigt: sie selbst und den Dom – und zwar in voller Größe. Aber das gelingt nicht. Gehen sie zu nahe ran den Dom, kommt mit ihnen nur das Portal aufs Bild, aber nicht mehr die Türme. Vergrößern sie den Abstand, sieht man zwar im Hintergrund den ganzen Dom, aber kann keines seiner Details mehr erkennen. Oft verbringen die "Selfie"-Fans geraume Zeit damit, den idealen Abstand herauszufinden. Aber den gibt es nicht. Man sieht nie alles zugleich: sich selbst, das Ganze und seine Einzelheiten in jeweils voller Größe und Genauigkeit.

Ähnliches geschieht heute bei dem Versuch, sich ein genaues Bild vom Flüchtlingsdrama in Europa zu machen. Wer auf zu großen Abstand geht, hat keinen Blick mehr für die Verzweiflung und den Mut, mit dem sich viele auf einen oft tödlichen Fluchtweg gemacht haben. Wer zu dicht dran ist an ihrem Elend, verliert den Blick für die politischen Ursachen und Spätfolgen dieser Misere. Beides zugleich mit einem einzigen Bild genau und umfassend einzufangen, gelingt nicht. Kein Politiker, kein Journalist, kein Helfer vom Roten Kreuz oder der Caritas schafft das.

Wer die Bilder von der Not der Flüchtlinge an sich heranlässt, wird als Christ nicht anders können, als ihnen Wege zu einem sicheren Ort zu ebnen. Aber wer der Aufforderung "Einer trage des anderen Last!" (Gal 6,2) folgt, kann irgendwann selbst an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gelangen. Und wenn es schlimm kommt, schließt ein ganzes Land aus Gründen der Überlastung seine Grenzen.

Hätte man diese Krise von Anfang an anders und besser managen müssen? War der Kölner Erzbischof schlecht beraten, als er sich schon vor Monaten dafür einsetzte, dass Christen ihre neuen Nachbarn willkommen heißen – und nicht auf Distanz gehen? Etliche Zeitgenossen, die stets auf Abstand zum Flüchtlingsdrama geblieben sind, faseln schon vom bösen Fluch der guten Tat und bestätigen sich gegenseitig, wie sehr der blinde Eifer christlichen Samaritertums letztlich schadet. In Talkshows wird bereits sinniert über die Vorzüge einer kühl kalkulierenden "Verantwortungsethik" gegenüber einer humanitären "Gesinnungsethik", deren Verfechter zwar das Herz auf dem rechten Fleck haben, aber die prekären Auswirkungen ihres Tuns nicht bedenken.

In solchen Runden entsteht gewiss kein Bild vom großen Ganzen und von der Not der kleinen Leute. Vor allem aber vermeiden die daran beteiligten Besserwisser, dass sie selbst mit aufs Bild kommen. Sie bleiben auf Distanz. Und wir? Wir sollten sie zum Vorbild nehmen und ihnen gegenüber auf Abstand gehen. Wer in einer solchen Krise nur beckmessert, gibt kein gutes Bild (von sich) ab.

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

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Von Hans-Joachim Höhn

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