Ausbleibende Empörung

Andreas Püttmann über christliche Glaubwürdigkeit beim Lebensschutz

Standpunkt | Bonn - 29.05.2018

Am Mittwoch wies Günter Assenmacher hier Donald Trumps Rede von Migranten als "Tiere" zurück. Er zitierte, zunächst zustimmend, einen FAZ-Kommentar zum Bruch "mit einem zivilisatorischen Minimum. Wo bleibt der weltweite Aufschrei? Der Protest der vielen Christen, denen nichts heiliger ist als das ungeborene Leben?" – befand aber dazu: "Den Seitenhieb hätte sich der Kommentator sparen können." Wirklich?

Die Überzeugungskraft der christlichen Botschaft und ihrer Lehre von der Unantastbarkeit menschlichen Lebens hängt nicht nur von ihrer ideellen Plausibilität, sondern auch vom praktischen Zeugnis der Christen ab, einschließlich ihrer Distanz zu menschenfeindlichen Positionen oder Politikern. Wo immer Kirche sich im Bett autoritärer Kräfte prostituierte oder selbst inhuman agierte, blieb ihre Glaubwürdigkeit lange lädiert.

Aber nicht Ansehensverlust darf die wichtigste Sorge sein. Das Entscheidende spitzte ein Tweet dieser Tage so zu (übersetzt): "Evangelikale Christen in den USA haben die Botschaft vom 'alten schroffen Kreuz' Jesu gegen die des Golden Kalbs von Donald Trump eingetauscht. Dies ist eine ernste Zeit der Häresie und eine existenzielle Krise des Glaubens." Wuchtige Sätze! Anti-Zeugnisse im Gestus besonderer Rechtgläubigkeit, vermischt mit etwas Wahrheit, kann man als List des Diábolos verstehen. Das Böse bedroht nicht nur von außen die Kirche. Es lauert innen. Dafür sollten diejenigen sensibler werden, die auf Kritik an Christen reflexartig abwehrend reagieren.

Wer den Lebensschutz propagiert, muss umfassender denken als dies oft geschieht. Immer nur diejenigen Übel zu beklagen, vor denen man selbst sich sicher fühlt – Abtreibung und Homo-Ehe –, ist in einem gewissen selbstgerechten Kirchenmilieu "guter Ton". Die widerliche Anfrage von AfD-Abgeordneten zu Behinderten, Inzest und Migration löste in diesen Kreisen aber keine Empörung aus. Das lässt tief blicken. Auf solche selektiven "Lebensschützer" zielte der FAZ-Kommentar zu Trumps unsäglichem Tier-Vergleich. Insofern war dieser "Seitenhieb" nicht überflüssig, sondern ein Treffer ins Schwarze.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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