Berührungsängste

Michaela Pilters über Gleichberechtigung im Islam

Standpunkt | Bonn - 02.10.2015

Ein nicht gegebener Handschlag, eine deutsche Politikerin, ein Imam und eine Flüchtlingsunterkunft: Dieses Szenarium eignet sich bestens für Wogen der Empörung. Es ist Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, und CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner will ein Flüchtlingsheim besuchen. Der örtliche Imam, der sich um die Flüchtlinge kümmert, lässt ausrichten, dass er Frau Klöckner als Frau nicht die Hand reichen werde. Der Termin kam darauf nicht zustande.

In Deutschland ist es üblich, dass Männer und Frauen sich gegenseitig durch ein Händeschütteln begrüßen. Ein Akt der Höflichkeit und ein Zeichen der Gleichberechtigung. Wäre es auch ein Akt der Höflichkeit und der Achtung der anderen religiösen Kultur gewesen, wenn Frau Klöckner die Ankündigung (die ja vorsorglich war und einen spontanen Affront vermeiden wollte) respektiert hätte? Hat hier jemand aus wahltaktischen Gründen aus einer Mücke einen Elefanten gemacht?

Nein! Denn es war nicht einer der Flüchtlinge, die gerade hergekommen sind und vielleicht unsere kulturellen Eigenheiten noch nicht kennen, sondern ein Religionsvertreter, der bereits sieben Jahre in Deutschland lebt und wissen muss, dass bei uns die Gleichberechtigung Bestandteil des Grundgesetzes ist. Und es mag zwar kulturelle Tradition in einigen muslimisch geprägten Ländern sein, Frauen nicht die Hand zu geben, aber es ist kein elementarer Bestandteil der muslimischen Vorschriften – ich kenne viele gläubige Muslime, die kein Problem damit haben, Frauen wie Männer per Handschlag zu begrüßen. Daher kann es erwartet werden, dass Menschen, die bei uns leben wollen, sich in dieser Frage integrieren (für religiöse Speisevorschriften würde ich dies nicht fordern).

Die Vorstellung von einer kultisch minderwertigen und unreinen Frau, ist vorsintflutlich und auch im Christentum überholt. Frauen hierzulande haben lange und heftig für Gleichberechtigung gekämpft, ein Wert, der aus falsch verstandener Fremdenfreundlichkeit nicht aufgegeben werden darf.

Die Autorin

Michaela Pilters ist Leiterin der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben".

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Von Michaela Pilters

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