Darf sich Kirche in die Politik einmischen?

Dominik Blum über Kirche und Politik

Standpunkt | Bonn - 14.09.2017

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

Bis in den Kreis meiner Freunde und Kollegen höre ich in jüngster Zeit immer öfter, die Kirche solle sich aus politischen Fragen heraushalten. Priester und Bischöfe müssten sich auf die Glaubensverkündigung konzentrieren und den Menschen verständlich erklären, was Heil und Erlösung heute bedeuten, statt sich in die Flüchtlingsdebatte einzumischen oder das Wahlprogramm der AfD zu kritisieren.

Angeblich streiten sich über die vermeintliche Alternative zwischen Verkündigung und sozialpolitischem Engagement sogar die katholischen Bischöfe untereinander. So war in den letzten Tagen zu lesen, die unmissverständlichen Wortmeldungen des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki zur Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa polarisierten selbst innerhalb der Bischofskonferenz.

Was ist das für ein naiver Blick auf die politische Kraft des Evangeliums und unsere Gesellschaft, die so dringend Wertmaßstäbe, Orientierung und Hoffnungsperspektiven braucht? "Das Evangelium hat sehr viel mit den Hühnerpreisen zu tun." So hat es für mich auf einer Lateinamerika-Reise ein guatemaltekischer Bischof auf den Punkt gebracht. Wo Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, da steht das Evangelium ebenso zur Debatte wie der soziale Zusammenhalt. Das gilt für Flüchtlinge, die keine Heimat finden; für Arbeiter, die zu wenig Geld für ihre Hühner bekommen, um davon leben zu können; und für Kinder, die gar nicht erst geboren werden.

Papst Franziskus nennt sie die Armen und hat ihnen in diesem Jahr erstmals einen Welttag gewidmet. In seiner Botschaft zum "Welttag der Armen" am 19. November schreibt Franziskus: "Das Gebet, der Weg der Jüngerschaft und die Bekehrung finden in der Nächstenliebe, die bereit ist zu teilen, eine Bestätigung ihrer evangelischen Glaubwürdigkeit."

Sozialpolitisches Engagement und Solidarität mit den Schwachen sind also der Glaubwürdigkeitstest für jede fromme Praxis. "Wenn wir wirklich Christus begegnen wollen, dann müssen wir seinen Leib auch im gemarterten Leib der Armen berühren – gleichsam als Antwort auf die sakramentale Kommunion in der Eucharistie." Eine betende und Liturgie feiernde Kirche darf sich also aus der Politik nicht heraushalten – gerade vor der Bundestagswahl nicht.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

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