Das Kreuz und die billige Münze

Andreas Püttmann zu Widerständen gegen Söders Kreuz-Erlass

Standpunkt | Bonn - 10.07.2018

Es kam, wie es kommen musste: In Bayern verweigern sich Behördenchefs, den Kreuz-Erlass umzusetzen. Ein Landrat im mittelfränkischen Roth, gläubiger Protestant mit Kreuz im Büro, gab die Devise aus: "Wir leben im Landratsamt sehr nach christlichen Grundsätzen, das ist wichtiger als irgendeine Äußerlichkeit, die man unter Zwang aufhängt."

Ich habe die Präsenz des Kreuzes in Schulen und Gerichten – wo sie Tradition hat – immer verteidigt. Als Zeichen selbstloser Liebe, höherer Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindender Hoffnung haben Generationen von Christen das Kreuz verehrt, in Not bestürmt, im Leiden umklammert, ihren Kindern auf die Stirn gezeichnet und am Ende ihres Laufs mit ins Grab genommen. "Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben", glauben wir. Unter dem Kreuz wuchs in Europa eine Hochkultur, in der die Menschenwürde, durch Rückfälle und Irrtümer hindurch, mehr und mehr ins Bewusstsein rückte. Mit dem Grundgesetz sogar in den Rang des zentralen Staatszwecks.

Gegenüber dieser wahren Größe und Bedeutung des Kreuzes wirkt seine identitätspolitische Verzweckung als anti-islamische Kampfansage und Wahlkampfschlager erbärmlich. Ministerpräsident Söder beruft sich auf die bayerische Identität, zu der das Kreuz gewiss gehört. Aber primär ist es Glaubenssymbol, nur sekundär Kultursymbol. Als solches darf man es Atheisten und Andersgläubigen in staatlichen Einrichtungen zumuten. Doch Kultur ist etwas Organisches, erwächst aus dem Leben der Menschen. Wenn das Kreuz dort, wo es gar nicht war, künstlich von Staats wegen verordnet, plakatiert wird, kommt ein Verdacht von staatlicher Missionierung oder Political Correctness wie in Putins Russland auf.

Söders Quasi-Verstaatlichung des Kreuzes an den Kirchen vorbei wurde als Übergriffigkeit noch getoppt durch CSU-Generalsekretär Blume, der die christlichen Kritiker des Erlasses abwatschte als Teil einer "unheiligen Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern". Eine Unverschämtheit. Noch entscheiden bei uns nicht Parteisekretäre, wer ein guter Christ oder bekenntnistreuer Bischof ist. Dass sich einige konservative Theologieprofessoren befleißigten, den durchsichtigen Coup der CSU schönzureden, zeigt, wie anfällig selbst Gebildete für populistische Verplumpungen sind, wenn sie darin Vorteile für ihre Sache wahrnehmen.

Die billige Münze, mit der die CSU auf ihr C-Konto einzahlen will, darf nicht das Christentum in Verruf bringen, das noch über 70 Prozent der Bevölkerung als "Bereicherung" betrachten. Dazu bedarf es des authentischen Zeugnisses vieler Christen, inklusive klarer Kante gegen falsche Propheten "christlicher Kultur".

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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