Demut in Berlin

Christoph Strack über die hohe Kunst der Politik

Standpunkt | Bonn - 12.02.2018

christoph Strack von der deutschen Welle

Das waren merkwürdige Tage im politischen Berlin. Sie werden, das lässt sich sagen, nachwirken. Hoffentlich.

Martin Schulz - was als Verheißung eines Erlösers wie im modernen Musical begann, wurde zum Drama, zur Soap, zur Tragödie. Die Wahl zum SPD-Vorsitzenden mit 100 Prozent des Parteitags (nicht einmal er selbst enthielt sich), der leuchtende "Spiegel"-Aufmacher Sankt Martin, dann SPD-Niederlagen bei Landtagswahlen und Frust... sein politisches Ende war eigentlich erreicht, als er Minuten nach dem Wahlausgang des 24. September lospolterte wie Ralf Stegner und anderntags ein persönliches "Nie" zu einem Ministeramt unter Merkel sprach. Schlechte Ratgeber muss er gehabt haben, wenn denn überhaupt welche. Aber was nun zuletzt binnen Tagen geschah, ist alles mehr als bitter.

Legislaturperioden beginnen in Berlin traditionell mit ökumenischen Gottesdiensten. Ruhige 60 Minuten ohne TV-Kameras. Die "politischen" Prälaten Karl Jüsten und Martin Dutzmann sprechen eingängig, ausgesprochen nachdenklich, auch biblisch. Oft sind es Grundwahrheiten über Verantwortung und Demut. Und im Weggehen sagen Abgeordnete fast verlegen, wie gut diese Stunde getan habe.

Ja. Politik ist die Kunst des Möglichen, ist Bereitschaft zum Dienst an Gesellschaft und Menschen, ist Geduld und Verantwortung und Demut. Und auch Kompromissbereitschaft und -fähigkeit. Politik, das ist übrigens auch mehr als namedropping. Dennoch findet man leicht Beobachter in Berlin, die fünf andere Ministernamen nennen können, aber keine fünf Seiten Koalitionsvertrag gelesen haben. Politik ist Kärrnerarbeit.

Große Worte. Zur Zeit wirkt es allzu oft so, dass Politik showdown, Katastrophismus und Endzeitstimmung sei. Es geht übrigens weiter. Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister, wird vielleicht mal Bundesfinanzminister. Wenn die SPD-Basis dem Koalitionsvertrag zustimmt, wenn die SPD-Spitze nicht weiter Personal-Schach spielt. Irgendwann in drei, vier Wochen. Aber schon jetzt gibt er Interviews zur Sache. Da kann es jemand nicht aushalten. Schweigen ist eine Kunst. Und ein Zeichen von Demut.

Man kann Merkel vieles vorwerfen: Dass sie tendenziell abwartet und spät reagiert, dass sie das Haushaltssilber der CDU nicht poliert, selten herausragende Reden hält, manches mehr. Aber sie steht für Politik als Kunst des Möglichen, inklusive Kompromissen und Zähigkeit. Wer mal bei Adenauer und Schmidt vergleicht - so waren halt große deutsche Kanzler.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist stellvertretender Leiter des Hauptstadtstudios der Deutschen Welle.

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