Den Streit mit AfDlern suchen

Matthias Drobinski zur AfD beim Katholikentag

Standpunkt | Bonn - 09.05.2018

Thomas Sternberg ist, was die Sache mit der AfD angeht, nicht zu beneiden – was er auch tut, es gibt Prügel. Als vor zwei Jahren der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken die Entscheidung zu vertreten hatte, dass kein AfD-Vertreter auf den Podien des Katholikentages sitzen wird, hagelte es Protest: Feige seien sie, die Verbandskatholiken, fürchteten sich vor unangenehmen Debatten, blieben lieber in der eigenen Wohlfühlblase. Jetzt hat der Katholikentag einen AfD-Vertreter auf ein Podium gebeten, und wieder ist die Entrüstung groß: Man kann doch rechten Demagogen keine Plattform bieten!

Keine Plattform bieten? Die hat die AfD längst, im Bundestag, in den von ihr so verachteten Medien, über die eigenen Kommunikationskanäle. Die Partei hat es geschafft, dass über Flüchtlinge, Migranten und insgesamt die Grundlagen des liberalen Rechtsstaates in einer Weise diskutiert wird, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar waren; sie hat sich dabei radikalisiert: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik bildet eine Partei vom rechten Rand eine nennenswerte Fraktion in der höchsten Volksvertretung. Die Vorstellung, dass der Ausschluss von den Katholikentagspodien daran etwas ändert, ist eine grandiose Selbstüberschätzung.

Der Entzivilisierung des politischen Diskurses, die da stattgefunden hat und weiterzugehen droht, begegnet man nicht durchs Verschweigen und durchs Wegschieben; man begegnet ihr auch nicht einfach dadurch, dass sich in Münster die anwesenden Katholiken zum Manifest vereinen und rufen: Mit denen reden wir nicht! Es hilft nichts: Man muss mit den AfDlern streiten, sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen, ihre Halbwahrheiten und Lügen enttarnen. Man muss ihren angeblich so einfachen Lösungen den gundkonservativen Zweifel gegenüber einfachen Lösungen entgegenhalten.

Das ist mühsam, anstrengend und manchmal auch frustrierend, weil die Kritiker der AfD sich nicht der gleichen Demagogie bedienen können wie die AfD. Nur entkommt man dem nicht mehr – der Katholikentag muss den Streit suchen, den fairen Streit. Er sollte dabei nicht den anderen Fehler machen, der in der Auseinandersetzung mit der neuen Rechten oft gemacht wird: Er sollte sie nicht alle Debatten beherrschen und überlagern lassen. So gesehen ist die Lösung von Münster ganz weise: Es gibt eine Debatte mit einem AfD-Vertreter. Und zum Glück ziemlich viele andere Themen.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

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