Denkt um!

Pater Klaus Mertes über gefühlte und tatsächliche Überforderungen

Standpunkt | Bonn - 10.02.2016

Zu den Schlüsselwörtern in der Flüchtlingsdebatte der vergangenen Monate gehört das Wort "Überforderung": Wir sind überfordert, Deutschland ist überfordert, die Kommunen sind überfordert, "die Menschen" sind überfordert. Es hat keinen Zweck, Überforderungssignale einfach mit einer Handbewegung beiseite zu wischen. Hilfreich scheint mir eher, was in der geistlichen Tradition die "Unterscheidung der Geister" genannt wird. Es gibt behauptete Überforderungen, gefühlte Überforderungen und tatsächliche Überforderungen. Hier wäre "geistlich" zu unterscheiden.

Nach meiner Erfahrung verhält es sich so: Eine Herausforderung, die mit dem Evangelium zu tun hat, kommt oft als Überforderung an, als Druck. Die Not, die mir entgegenkommt, übt geradezu zwingenden Druck auf mich aus - ich "muss" mich ins Wasser werfen, um den mit der Planke winkenden Ertrinkenden zu retten. Die Not kann mich nicht nur "gefühlt", sondern auch tatsächlich überfordern. Deswegen ist es auch nicht angemessen, die gefühlte Überforderung bloß als behauptete Überforderung abzutun.

Nur: Auch in der tatsächlichen Überforderung kann mir der Ruf des Evangeliums entgegenkommen. Dann wird es ernst. Dann muss ich nämlich mein Leben verändern, um mich auf diesen Ruf einzustellen. Das tut weh, ist anstrengend, aber es ist auch befreiend, denn plötzlich muss ich Grenzen in meinem Selbstverständnis sprengen, die mich mehr fesselten, als ich es selbst wahrnahm. Ich werde offen für die Möglichkeit, dass nicht jede gefühlte Überforderung schon eine tatsächliche Überforderung sein muss. Und ich werde sogar offen für die Möglichkeit, dass eine tatsächliche Überforderung mich so stark herausfordern kann, dass ich mein Leben tatsächlich grundlegend verändere.

Die anstehende Fastenzeit beginnt mit dem Ruf Christi: "Kehrt um!" Ich übersetze das griechische Wort "metanoeite" auch gerne mit "denkt um!", auch und gerade was euer Selbstverständnis betrifft. Die Herausforderungen und Überforderungen der Gegenwart geben dem Ruf des Evangeliums in dieser Fastenzeit eine überraschende, vielleicht auch eine überfordernde, jedenfalls aber ein ganz aktuelle Bedeutung.

Der Autor

Pater Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. 2010 brachte er in seiner früheren Funktion als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin die Aufdeckung des kirchlichen Missbrauchsskandals ins Rollen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Pater Klaus Mertes SJ

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