Der Kitt bröckelt

Susanne Hornberger über die Bedeutung von Verantwortung

Standpunkt | Bonn - 11.10.2017

Susanne Hornberger von der Muenchener Kirchenzeitung

Lassen Sie uns über etwas "Altmodisches" reden. Verantwortung. Ach, Sie kennen die Bedeutung noch? Dann gehören Sie allerdings zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Fangen wir ganz oben an: Politik. Die großen Volksparteien – das ist das Ergebnis der Bundestageswahl – haben extrem an Rückhalt verloren. Wer übernimmt die Verantwortung für die Verluste? Es ist kein Richtungswechsel erkennbar. Stattdessen wieder einmal das alte Spiel: Mit dem Finger auf andere zeigen, statt sich damit an die eigene Nase zu fassen. Schuld sind AfD oder die Medien oder Europa, aber keinesfalls man selbst. Also heißt es munter "Weiter so", statt wirklich verantwortungsvoll zu handeln. Armut, Bildung, Klima – was soll’s? Stattdessen steht nur die Frage im Vordergrund: Wer bekommt welchen Regierungs-Sessel, an dem er dann die nächsten vier Jahre kleben darf.

Schauen wir weiter: Wirtschaft. Der Diesel-Skandal hat gezeigt, dass die so genannten Global Player nicht mal die einfachsten Spielregeln beherrschen. Die hat man schon im Sandkasten gelernt: Fehler machen, Fehler zugeben, Fehler wiedergutmachen – eine Sache der Ehre. Gehen wir zu den Arbeitgebern: Früher haben sie junge Menschen ausgebildet, um sie im Unternehmen zu halten. Heute hangelt sich der Nachwuchs von Praktikum zu Praktikum. Hier wird ausgenutzt, und zwar hemmungslos. Verantwortung geht anders – ganz anders.

Womit wir schließlich an der Basis angelangt sind: Menschen. Die wollen sich nicht mehr binden, kündigen Freundschaften mit einem Klick, konsumieren und werfen schnell wieder weg und beschimpfen andere als "Opfer". Wer Verantwortung nicht vorgelebt bekommt, kann sie selbst nicht übernehmen. Nicht für den Partner, der oft nur einer für einen Lebensabschnitt ist, und schon gar nicht für Kinder, die sie selbst nicht tragen können. Verantwortung ist so viel mehr als eine schöne Tugend. Sie ist, wenn man so will, der Kitt, den eine Gesellschaft unabdingbar braucht, um als human gelten zu können. Sie ist eine der Säulen, auf denen christlich gebotene Nächstenliebe steht. Und die wird überall gebraucht, ob in der großen allumspannenden Politik oder in der unmittelbaren Beziehung eines Menschen zu seinem Gegenüber. Oder, um es mit dem französischen Dramatiker Molière (1622 – 1673) zu sagen: "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun."

Von Susanne Hornberger

Die Autorin

Susanne Hornberger ist Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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