Schachfigur
Gudrun Lux über die dünne Decke der Zivilisation

Der pure Hass

Gudrun Lux über die dünne Decke der Zivilisation

Von Gudrun Lux |  Bonn - 06.07.2018

Was uns heutzutage in unerträglichem Maße offen um die Ohren fliegt, ist oft der schiere pure Hass. Was – möchte man meinen – in der Regel unter der offenbar tatsächlich recht dünnen Decke der Zivilisation verborgen bleibt, wütet insbesondere im Netz, aber immer wieder auch auf der Straße.

Oberflächlich betrachtet mag es ein Mangel an "Kinderstube", "guter Erziehung" oder "Benehmen" sein, was Menschen dazu verleitet, ungefiltert unhinterfragte Gemeinheiten herauszulassen. Im Grunde ist es aber ein Mangel an Haltung und Anstand, ein erschreckendes Maß an Hass und Verachtung für Menschen, die andere Positionen haben, anders aussehen, anders lieben oder von anderswo kommen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass Menschen insbesondere online jede Hemmung verlieren. Da wird eine junge deutsche Frau ermordet, die sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte – und Leute kommentieren das hämisch als gerechte Strafe. Da ertrinken Kinder im Mittelmeer – und Leute feiern das regelrecht. Da setzen sich junge Menschen in politischen Jugendorganisationen für ihre Belange ein – und werden beleidigt und bedroht.

Besonders Frauen, die sich politisch betätigen, werden krudeste Widerlichkeiten geschrieben, fast immer sexualisiert. Da wird gerne mal eine Vergewaltigung gewünscht oder angedroht oder das politische Engagement darauf zurückgeführt, sexuell zu wenig attraktiv oder aktiv zu sein.

Die Justiz muss hart vorgehen gegen die, die beleidigen und drohen, verleumden und hetzen. Diejenigen, die den Ton angeben in der Gesellschaft, müssen ganz besonders auf eine fein gewählte, respektvolle, ja eine christliche Sprache achten, denn wenn sie "fallen", rechtfertigen sie damit die Verrohung und Brutalisierung der Gesellschaft.

Aber Menschen zu einem Menschenbild zu führen, das die Würde anderer annimmt, das Respekt, Toleranz und Wohlwollen einschließt – in christlichen Worten: Nächstenliebe – ist Aufgabe aller gesellschaftlichen Kräfte in der pluralen Demokratie.  Auch und besonders der Kirchen.

Von Gudrun Lux

Die Autorin

Gudrun Lux ist freie Journalistin und Vorsitzende der Münchner Grünen. Sie ist Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

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