Deutschland - ein Missionsland?

Dominik Blum über eine missionarische Haltung für heute

Standpunkt | Bonn - 01.02.2018

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

"Wir sind ein Missionsland geworden. Diese Erkenntnis muss vollzogen werden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren alles Lebens sind unchristlich." Wer wollte an dieser Aussage zweifeln. Hierzulande sind kaum mehr die Hälfte der Menschen Christen. Eine erkennbare religiöse Praxis – und sei es nur der Besuch eines Gottesdienstes am Sonntag – pflegen die wenigsten von ihnen. Über Mission in Deutschland wird heftig diskutiert in den vergangenen Wochen. Da geht es völlig unfruchtbar um die Konkurrenz zwischen Jugendverbänden und Gebetshäusern – wer heute noch junge Leute erreicht, kräftiger betet und mehr Menschen zu Jesu Jüngern macht. Im "Missionsmanifest" bleibt nur Bekehrung als vielleicht letzte Chance für die Kirche; in den Erwiderungen darauf ist innovative Gründerkultur die angesagte missionarische Unternehmensstrategie.

Derjenige, der in dem Zitat oben Deutschland ein Missionsland nennt, ist ein junger Jesuit mit besten Kontakten in den Widerstand gegen das Nazi-Regime. Alfred Delp spricht 1941 in Fulda, ganz in der Nähe des Bonifatiusgrabs, in einem Vortrag über "Vertrauen zur Kirche". Sein eigenes Vertrauen in die missionarische Kraft der amtlichen Kirche ist klein. Nicht nur, dass ihren verbeamteten Repräsentanten (bevor es unten angemerkt wird: zu denen gehöre ich auch) in "gläubiger Bequemlichkeit kein Stern und kein Licht aufgeht". Auch die anderen Christen verhielten sich wie "ein geistiger Bourgeois, dickblütig und stickig und schwerfällig und behäbig".

Mission ist für Delp, der am 2. Februar 1945, morgen vor 73 Jahren, in Plötzensee als Mitglied des Kreisauer Kreises aufgehängt wurde, keine Frage der Strategie, sondern der Haltung. Ende 1944 schreibt er auf einem Kassiber aus der Todeszelle: "Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt (…) für alles Schöne und auch für das Elend." Mission heißt nicht, Gott zu verkünden, wo er nicht ist. Missionarisch sein bedeutet, den Menschen an diesen schönen und bösen Brunnenpunkten mit Gott zur Seite zu stehen. In Gemeinde, Schule, Krankenhaus, Gefängnis, Sozialstation. Delps spirituelle und diakonische Idee für Christsein im Missionsland ist einfacher und überzeugender als die Missionsmanifeste von heute.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

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