Die dämonisierte Kanzlerin

Andreas Püttmann über Fanatismus unter Katholiken

Standpunkt | Bonn - 02.10.2017

Am Wochenende tagte in Mainz die "Görres-Gesellschaft". Christliche Gelehrte diskutierten in Fachgruppen je ein Schwerpunktthema. "Extremismus und Rassismus: Ursachen und Entwicklungen" war das Sektionsthema nicht etwa der Politologen oder Soziologen, sondern der Psychotherapeuten und Mediziner. Wo Parlamentarier wieder gegen Andersdenkende als "Wucherung am deutschen Volkskörper" hetzen, die es "endgültig loszuwerden" gelte, sind eben auch Heilberufe gefragt – aber nicht zum Operieren, sondern um Psychopathologien zu ergründen.

"Theologischethische und moralpsychologische Perspektiven" auf religiösen Fundamentalismus brachte ein Moraltheologe ein. Fanatisierungsprozesse kennt man auch von Christen. Die Symptome der drei Grundformen Gerechtigkeits-, Sittlichkeits- und religiös-weltanschaulicher Fanatismus sind: übersteigerte Intensität der Durchsetzung eigener Ideen, Mangel an Selbstkritik, Ausblendung aller Gegenargumente. Genau dies wird durch "Echoräume" und "Filterblasen" im Internet forciert. Der Radikalisierungsstrudel privat-katholischer Onlineportale schwappt sogar bis in seriös-katholische Zeitungen hinein.

So wurde Kanzlerin Merkel vor den Wahlen von rechtskatholischen Autoren nicht analytisch abwägend kritisiert, sondern – samt der "vermerkelten Parteien" – durch Einseitigkeit und Unterstellungen verächtlich gemacht, ja geradezu dämonisiert: die Männer und Katholiken meuchelnde (Links-) Protestantisiererin der CDU, die zuletzt auch noch putschartig die Homo-Ehe brachte – demagogische Zerrbilder durch Verschweigen der ganzen Wahrheit, denn die Herren Wulff, Guttenberg, Röttgen, Merz und Co schadeten sich vor allem selbst oder zogen sich pikiert zurück; die Ehe-Öffnung beruht auf seit Jahren stabilen, wachsenden Mehrheiten der Unionswähler (60 Prozent), der Bevölkerung (80 Prozent) und der Forderung aller möglichen Koalitionspartner, gegen die sich Merkel lange quer stellte. Mit der "totalen Redlichkeit", die Benedikt XVI. in Freiburg von der Kirche forderte, ist ein so manipulativer Diskurs nicht vereinbar.

Bischöfliche Aufrufe zur Mäßigung und "verbalen Abrüstung" (Kardinal Marx) in einem hasserfüllten Klima sind lobenswert. Sie müssten allerdings auch mal auf die Verrohung in Teilen des eigenen Hauses gerichtet sein – inklusive konkreter Ermahnungen. Das "Amt der Einheit" darf nicht auf Kosten der Unterscheidung der Geister und des ethischen Mindeststandards gehen. Wutkatholische Antizeugnisse fallen auf die ganze Kirche zurück. Sie düngen den Boden für Feindseligkeit und Gewalt. Henriette Rekers Attentäter nannte sich "wertkonservativer Rebell".

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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