Die katholische Provokation

Thomas Arnold zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll

Standpunkt | Bonn - 21.12.2017

Es gibt sie noch, die Heiligen und Propheten. Einer von ihnen feiert heute seinen 100. Geburtstag. Wenn er nicht 1985 in Bornheim-Merten zu Grabe getragen worden wäre – angeblich katholisch, obwohl er bereits in den 70er-Jahren aus der Kirche ausgetreten war. Heinrich Böll kritisierte, weil er glaubte. Und veränderte damit nicht nur eine Republik, sondern auch die Kirchen. Geprägt von NS-Diktatur und Krieg, von Andachtsbildchen und frommen Prozessionen wollte er eine Kirche, die den Menschen liebt. Stattdessen stieß er auf zu viel Liebe zur Macht. Dagegen wurde er mit seinen Romanen, Kurzgeschichten und Essays zum (zunächst) einsamen Rufer in der Wüste.

Natürlich sind heute nur noch die letzten Reste der Harmonie von katholischer Kirche und Bonner Republik zu spüren, die Böll so oft kritisierte. Aber mit ihr lässt sich auch in diesen Tagen noch eine Doppelbödigkeit konstruieren, der der Mut zugunsten der Macht fehlt. Zu oft noch steht der "Katholizismus" als gesellschaftlich-organisiertes System dem Ideal von Katholizität, das sich spirituell und ethisch aus der Grundhaltung des jesuanischen Ethos speist, entgegen. Es kann nicht darum gehen, die Spannung durch eine Trennung des "Systems Kirche" vom "jesuanischen Ethos" aufzuheben. Entweltlichung heißt nicht, jede Möglichkeit aufzugeben, Strukturen zugunsten der Menschen zu verändern. Stattdessen müssen wir als Christen den Menschen im Blick behalten, ohne uns von der Welt verführen zu lassen. Mit Barmherzigkeit und Gnade wollte Böll eine bessere Gesellschaft. Der feinsinnige Beobachter des Menschlichen und Unmenschlichen wollte nicht nur draufhauen, sondern erwartete Veränderungen, die den Armen und Machtlosen in von der Peripherie ins Zentrum holen. Damit provozierte der Prophet. Er war gefürchtet, im eigenen Land versuchte man ihn zu überhören, indem man ihn verdrängte.

Dass heute der Bundespräsident zu Ehren Heinrich Bölls ein Festessen veranstaltet, wäre in den 50er-Jahren noch undenkbar gewesen. Als eminent politischen Menschen bezeichnete Steinmeier am letzten Wochenende den Literaturnobelpreisträger, dessen Leben unter der Parole gestanden habe "Einmischung erwünscht!". Dabei erwartete Heinrich Böll auch von Katholiken keine politische Bravheit. Stattdessen forderte er Menschen mit Haltung, gegen jede Angepasstheit. Welt und Kirche damit zu durchdringen bleibt angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts die Aufgabe für die Christen – provokant, prophetisch und heiligmäßig. Das ist die Botschaft des "guten Menschen von Köln".

Von Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2018