Die matten Stellen auf der Ikone

Joachim Frank über die Heiligsprechung von Mutter Teresa

Standpunkt | Bonn - 07.09.2016

Ein Standpunkt zum Perseiden-Strom in der Sternschnuppen-Nacht vor ein paar Tagen? Oder zur jüngsten Sonnenfinsternis? Was wäre die Aussage? Sieht schön aus, wir sind dafür! Ob die Heiligsprechung Mutter Teresas am vorigen Sonntag der folgerichtigen Erhabenheit eines Natur-Ereignisses gleichkommt und daher keines Kommentars bedarf, sei dahingestellt. Jedenfalls war die Kanonisierung des "Engels der Armen" durch Papst Franziskus bislang kein Thema dieser Kolumnen-Reihe, und womöglich erlaubt das einen Gedanken "post festum".

Als "unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit" hat der Papst Mutter Teresa in seiner Predigt zur Heiligsprechung gewürdigt. Es lag nahe, dass Franziskus sie gleichsam als allegorische Gestalt für das Programmwort seines Pontifikats vorstellt. Das führt indes zugleich darauf, dass Heiligsprechungen immer auch ihren (kirchen-)politischen Sinn haben. Mutter Teresas geistlicher Durchmarsch zur Ehre der Altäre begann schon zu Lebzeiten, als sie für den (unterdessen auch heiligen) Johannes Paul II. mit ihrem letztlich unpolitischen, nicht genuin gesellschafts- und schon gar nicht kirchenkritischen Verständnis christlicher Caritas einen Gegenentwurf zu den Befreiungstheologen Lateinamerikas abgab. Deren Anspruch, die "Strukturen der Sünde" zu bekämpfen, reflektierte der frühere Papst zwar in seinen Sozial-Enzykliken, drang damit aber nicht bis auf das kircheneigene Terrain vor. Von einer Mutter Teresa aus Kalkutta hatte er da keinen Protest zu befürchten, von den Leonardo Boffs und Ernesto Cardenals sehr wohl.

"Das Mitleid bestätigt die Regel der Unmenschlichkeit durch die Ausnahme, die es praktiziert", heißt es bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der "Dialektik der Aufklärung". In verabsolutierter Form treibt dieser Gedanke dem Einzelnen und der Gesellschaft die Seele aus. Recht verstanden ist er eine Warnung vor Gefühlsduselei und einer sozial-caritativen Oberflächenbehandlung.

Vielleicht sind das die eigentlich matten Stellen auf der Ikone der nunmehr heiligen Mutter Teresa. Doch wer wüsste damit besser umzugehen als Papst Franziskus? Und lässt sich seine Seligsprechung Oscar Romeros nicht genau so deuten? Als Erweiterung eines einzelnen Heiligenbilds zum Doppelgemälde – einem Diptychon, bei dem die eine Hälfte das zum Leuchten bringt, was der anderen an Strahlkraft abgehen mag.

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

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Von Joachim Frank

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